Offenbarung 3,7 Sendschreiben an die Versammlung Philadelphia
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Offenbarung 3,7 Vorträge über die Sendschreiben – Philadelphia
(Auszug aus BdH 1882)
1. Rückblick auf die Entwicklung der ersten Versammlungen
Die Sendschreiben zeigen einen klaren Verlauf:
- Rückschritt
- Verführung durch Satan
- Warnungen Gottes
- Ermunterung eines Überrestes (Philadelphia)
Philadelphia steht für eine kleine, aber treue Gruppe, die trotz geringer Kraft in enger Verbindung mit Christus bleibt.
2. Kennzeichen der Gläubigen in Philadelphia
- Sie besitzen nur eine kleine Kraft, aber:
- Sie bewahren das Wort
- Sie verleugnen den Namen Jesu nicht
- Sie halten fest an der Einfalt in Christus
- Sie kennen Christus als:
- den Heiligen
- den Wahrhaftigen
Diese moralischen Charakterzüge Christi – nicht Seine Macht – sind der Maßstab für ihr Leben.
3. Christus als der Heilige und Wahrhaftige
Christus offenbart sich hier nicht in richterlicher Herrlichkeit (wie in Offb 1), sondern in Seinem moralischen Wesen:
- Heiligkeit
- Wahrheit
- Unveränderlichkeit
- Treue zu Seinem Wort
Das Wort Gottes verbindet die Seele mit Christus – so wie Er war und wie Er ist.
4. Das Wort des Ausharrens Christi
Die Gläubigen in Philadelphia bewahren „das Wort meines Ausharrens“:
- Sie warten wie Christus
- Sie sind von der Welt getrennt
- Sie leben in derselben Hoffnung wie Er
- Sie halten fest an Seinem Wort, nicht an kirchlicher Macht
Das Wort Christi ist ihr einziger Maßstab und ihre Sicherheit.
5. Christus hält den Schlüssel Davids
„Der da öffnet, und niemand wird schließen; und schließt, und niemand wird öffnen.“
Das bedeutet:
- Christus allein öffnet Türen für den Dienst
- Keine Macht der Welt oder des Feindes kann sie schließen
- Der Gläubige ruht nicht auf Umständen, sondern auf Christus
6. Die geöffnete Tür
Die geöffnete Tür ist:
- eine Gelegenheit zum Dienst
- ein Ausdruck göttlicher Gnade
- unabhängig von menschlicher Macht
Auch wenn die Versammlung schwach ist, bleibt die Tür offen – weil Christus sie geöffnet hat.
7. Bewahrung vor der Stunde der Versuchung
„Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, so will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung.“
Diese Bewahrung gilt:
- nicht durch Kraft
- sondern durch Treue
- durch Abhängigkeit von Christus
- durch Trennung von der Welt
Die Stunde der Versuchung betrifft „die auf der Erde wohnen“ – nicht die, deren Heimat im Himmel ist.
8. Die Synagoge Satans
Christus spricht klar:
- Es gibt religiöse Systeme, die äußerlich Anspruch erheben
- Sie berufen sich auf Tradition, Alter, Satzungen
- Doch sie sind nicht von Gott, sondern „Synagoge Satans“
Der Gläubige erkennt sie daran, dass sie:
- Christus nicht als alleinige Autorität anerkennen
- Menschen zwischen Christus und die Seele stellen
- äußere Formen über die Wahrheit stellen
Christus selbst wird sie zwingen anzuerkennen:
„…dass ich dich geliebt habe.“
9. „Ich komme bald“ – die Hoffnung der Getreuen
Die Hoffnung Philadelphias ist:
- Christus selbst
- nicht Prophetie
- nicht äußere Macht
- nicht Wiederherstellung der Kirche
Die Antwort des Herzens lautet:
„Amen! Komm, Herr Jesus!“
10. Die Verheißungen für den Überwinder
Der Überwinder erhält:
- einen Platz als Säule im Tempel Gottes
- den Namen Gottes
- den Namen des neuen Jerusalem
- den neuen Namen Christi
Diese Verheißungen zeigen:
- völlige Sicherheit
- völlige Zugehörigkeit
- völlige Gemeinschaft mit Christus
11. Die besondere Stellung Philadelphias
Philadelphia steht für:
- Treue in Schwachheit
- Festhalten am Wort
- Festhalten am Namen Christi
- Innige Verbindung mit Christus
- Erwartung Seiner Ankunft
Es ist das Gegenbild zu:
- Thyatira (Verderbnis)
- Sardes (toter Name)
- Laodicäa (Lauheit und Selbsttäuschung)
12. Praktische Anwendung für heute
Der Text zeigt:
- Die Kirche als Ganzes wird nicht wiederhergestellt
- Der Überrest hält fest an Christus
- Die einzige Sicherheit ist das geschriebene Wort
- Die einzige Hoffnung ist Christus kommt bald
- Die einzige Kraft ist Abhängigkeit von Ihm
13. Schlussgebet und Ermahnung
Möge der Herr uns Gnade geben, das Wort Seines Ausharrens zu bewahren, Seinen Namen nicht zu verleugnen, und Ihn täglich zu erwarten.
BdH1882 Vorträge über die Sendschreiben an die sieben Versammlungen Philadelphia
1882 Vorträge über die Sendschreiben an die sieben Versammlungen Philadelphia Werfen wir jetzt einen Rückblick auf den allgemeinen Entwicklungsgang der ersten Versammlungen, so entdecken wir zunächst den Rückschritt, dann sehen wir, wie Satan sie vom Wege ablenkt, und endlich folgen Warnungen. Hier in Philadelphia wird ein Überrest ermuntert. Was die Getreuen hier kennzeichnet, ist, daß sie, obwohl sie im Besitz einer nur kleinen Kraft sind, in inniger Verbindung mit dem Herrn Jesu Christo selbst stehen.
Das Kennzeichen der Väter in Christo besteht, wie wir in‘ dem ersten Brief des Johannes lesen, darin, daß sie Den kennen. Der von Anfang ist. So ist auch hier in Philadelphia allerdings nur eine kleine Kraft da, aber der Name des Herrn wird nicht verleugnet. Das Sendschreiben an diese Versammlung, die Grundlage der ihr gemachten Eröffnungen, steht in Verbindung mit Christo. Es handelt sich um Ihn Selbst, nicht um Macht. Aber wenn auch alles im Verfall ist, wie in dem Brief des Johannes, wo es heißt, daß schon viele Antichristen geworden seien (Kap. 2, 18), so gibt es dennoch auch solche, welche fähig sind, die Verführer zu unterscheiden; denn „der aus Gott Geborene bewahrt sich, und der Böse tastet ihn nicht an“.
In dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit einer Wiederherstellung der Kirche hinsichtlich einer offenbaren Macht ist es die Bewahrung des Wortes des Ausharrens Christi, was die Versammlung in Philadelphia kennzeichnet; und der Name des „Heiligen“ und des „Wahrhaftigen“ ist ihr in ganz besonderer Weise aufgedrückt. In der Art und Weise, wie Christus sich hier darstellt, findet sich keine Macht, wie vorher in Sardes, wohl aber die unfehlbare Gewißheit darüber, was Er in Seinem Charakter ist und darüber, was Er gesagt hat — Er, der „Heilige“ und der „Wahrhaftige“.
Durch diese beiden Dinge können wir alles beurteilen. Die Gläubigen sollten, da alles um sie her in einem schlechten Zustande war, an der Einfalt, die in Christo ist, festhalten, wie Johannes in seinem Brief sagt: „Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“. Er und seine Mitapostel hatten das ewige Leben in ihren Seelen empfangen, sie hatten Ihn mit ihren Händen betastet und durch den Glauben angeschaut, so daß sie bezeugen konnten, wer dieser „Wahrhaftige“ war, und auch zu sagen vermochten: „Dies ist der Heilige“; denn Er ist nicht nur im Besitz der Macht, sondern Er ist auch der Heilige. Beachten wir ferner, daß die Charakterzüge Christi, die uns hier vor Augen gestellt werden, keinen Teil der Herrlichkeit Christi bilden, wie sie im ersten Kapitel der Offenbarung beschrieben wird, sondern daß sie sich auf Seinen moralischen Charakter beziehen; und diesen Charakter weiß der im Glauben geübte Heilige zu der Zeit, auf welche sich das Sendschreiben bezieht, zu unterscheiden.
Die Heiligen, von denen hier die Rede ist, hatten das „Wort des Ausharrens Christi“ bewahrt, und wenn das Wort Gottes als solches geschätzt wird, dann ist es der Charakter Christi Selbst, der die Seele beherrscht. Seine Vorschriften erhalten Autorität für uns, und Er leitet persönlich die Neigungen unserer Herzen; das Auge ist einfältig und der Leib voll von Licht. So war es z. B. bei Maria, als der Augenblick des Hingangs des Herrn herannahte. Das Wort Gottes verbindet die Seele mit Christo, so wie Er war und wie Er ist; es gibt uns einen geschriebenen Christus. So lesen wir z. B. in Mt 5: „Glückselig die Armen im Geiste!“ — und wer war so arm im Geiste wie Christus? „Glückselig, die reinen Herzens sind!“ — wer war so rein wie Er? „Glückselig die Friedensstifter!“ —
Er war der große Friedensstifter, ja, der Fürst des Friedens Selbst. Znächst handelt es sich natürlich darum. Ihn als den lebendigen Christus zum Heil der Seele zu besitzen; hernach empfangen wir durch das geschriebene Wort das geistliche Verständnis von dem, was dieser Christus ist, indem das geschriebene Wort der einfache Ausdruck von Christo Selbst ist, von Dem, der das Bild Gottes war, der „Fleisch ward und wohnte unter uns, und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“.
Und wenn wir so das Zeugnis empfangen, das der Heilige Geist von Christo ablegt, dann klammert sich das Herz an Ihn, als den „Heiligen“ und „Wahrhaftigen“. So beherrscht der Christus, wie wir Ihn im Worte finden, unser Herz; wir möchten nicht ohne diesen geschriebenen Christus sein, oder uns von Ihm entfernen. Diese lebendige Verbindung mit einem lebendigen Christus ist unser einziger Schutz gegen solche, die uns verführen wollen. Ein heiliger Christus, in Dem wir die Wahrheit besitzen, ist die gesegnete, starke, moralische Burg der Seele, während ein mit der Welt vermengtes und lebloses Christentum nichts gegen die Verführung vermag, und die bekennende Kirche aus diesem Grunde unfähig ist, den einfachen Pfad zu unterscheiden. Wenn unter den Christen nicht Glauben genug vorhanden ist, um ohne die Welt voranzugehen, und deshalb allenthalben Vermengung mit der Welt stattfindet, dann ist für den Treuen ein heiliger und wahrhaftiger Christus der sichere Leiter und die Stütze der Seele.
Dem Timotheus sagt Paulus: „und weil du von Kind auf die Heiligen Schriften kennst, die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christo Jesu ist“. Und gewiß kann es keine bessere Erkenntnis geben, als die Erkenntnis Christi. Um diese handelt es sich hauptsächlich im Brief des Johannes; der Vater in Christo hat „den erkannt, der von Anfang ist“; er kann sagen, was der wahre Christus ist, er kennt den Heiligen und Wahrhaftigen. Nicht Entwicklung tut not, sondern die Rückkehr zu der Einfalt in Christo, Ihn wahrhaftig zu kennen. Der im Anfang geoffenbart wurde, Ihn, Der von Anfang war. Wenn deshalb meine Seele mit dem Christus des geschriebenen Wortes vereinigt ist, so ist der Christus, den ich hienieden geliebt habe.
Derselbe, Dessen Ankunft ich zu meiner Aufnahme erwarte. Das schöne Bild, das hier von dem Herrn entworfen wird, ist ein anderes als das Bild des ersten Kapitels: „Seine Augen wie eine Feuerflamme, und seine Füße gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen“ — fest, unwandelbar, ein verzehrendes Feuer im Gericht, so ist Er dort geoffenbart. Das Bild aber, das der Versammlung von Philadelphia von Ihm gegeben wird, steht in Verbindung mit Seinem moralischen Charakter, wie wir ihn in dem geschriebenen Wort finden: Er ist „der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel des David hat, der da öffnet, und niemand wird schließen und schließt, und niemand wird öffnen“. Christus forscht hier nicht nach Kraft in den Heiligen; Er zeigt Sich uns vielmehr in Seinem eigenen, persönlichen und besonderen Dienst, Er hält Selbst den „Schlüssel“ in Seiner Hand, und dies gibt uns Vertrauen.
Wenn sich auch schäumende Wogen um uns her auftürmen und die Predigt des Evangeliums untersagt zu werden droht, so wissen wir dennoch, daß alles in Seiner Hand ist. Ich wünsche vielleicht, daß das Evangelium in dem einen oder anderen Lande gepredigt werden möchte, allein die Hindernisse scheinen zu zahlreich und zu groß zu sein; da ist es denn mein Trost, daß Christus den Schlüssel hat, und daß die ganze Macht Gottes zu Seiner Verfügung steht. Etwas ähnliches finden wir in Joh 10 in den Worten: „Diesem tut der Türhüter auf“. Als Jesus Selbst auf dieser Erde auftrat, wie uns dies in den Evangelien mitgeteilt wird, da war niemand imstande. Sein Zeugnis zu hindern. Alle Mächte der Erde, die Pharisäer, die Gesetzgelehrten, die Hohenpriester, die Landpfleger, Pilatus und Herodes (diese Füchse), konnten kein einziges armes Schaf hindern, die Stimme des guten Hirten in den Tagen Seines Fleisches zu hören. So ist es auch heute noch, denn „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“.
Dies ist unsere Zuversicht bei der Predigt des Evangeliums; denn trotz aller Freiheit, die wir in unserem so hoch begünstigten Lande genießen, könnten wir dennoch auf kein einziges Jahr länger rechnen, wenn wir nicht die einfache Verheißung besäßen: „Ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand zu schließen vermag“. So kann ich auch ohne Furcht in irgendein anderes Land gehen, wie schwierig auch dessen äußere Verhältnisse liegen mögen, sobald ich sehe, daß Gott eine offene Tür vor mir gegeben hat. Selbstredend müssen wir warten, bis der err die Zeit für gekommen hält, die Tür zu öffnen. So sehen wir z. B. bei Paulus, daß es ihm zu einer gewissen Zeit nicht erlaubt wurde, das Wort in Asien zu reden, während wir ihn später drei Jahre lang dort tätig finden, und der Herr Sich so zu Seiner Arbeit bekannte, daß ganz Klein-Asien, in dessen Hauptstadt Ephesus er eine Versammlung gründete, das Wort Gottes hörte.
Wir werden uns ohne Zweifel damit zufriedengeben müssen, im Glauben uns auf den Arm Dessen zu stützen, Der den Schlüssel hat, und unsere Seelen durch unser Ausharren zu gewinnen; denn stets werden Umstände vorhanden sein, die unseren Glauben üben, und Gott wird diese erlauben, um uns zu beweisen, daß wir nichts ohne Ihn tun können. Wir werden dann entdecken, daß wir keine Kraft haben, daß Gott aber nach Seiner eigenen Kraft unserer Schwachheit zu Hilfe kommt, weil Er nicht anders kann, als dem Glauben, den Er gegeben hat, zu antworten: „Ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand zu schließen vermag“. Dieses Wort: die niemand zu schließen vermag“, hat mir oft große Zuversicht gegeben. Es ist eine köstliche Ermunterung, daß, wenn Christus eine Tür geöffnet hat, niemand sie schließen kann, weder Menschen, noch Teufel, noch böse Geister; und selbst wenn wir nicht genug Kraft haben, die geöffnete Tür aufzustoßen, so ist sie doch für uns geöffnet.
Die ganze Versammlung ist schwach, so schwach wie möglich, und zwar in einem schlimmen Sinne; denn was für einen Glauben besitzen wir? Wenn wir hören von einem kleinen Glauben, so zeigt Gott uns Seine Macht. Aber wo hört man unter uns von der Kraft und der Energie des Glaubens? „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, so will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung“. Das besiegelt unsere Sicherheit und unsere Kraft. Es ist das Ausharren Christi, denn auch Er wartet auf das Reich: „fortan wartend, bis seine Feinde gelegt sind zum Schemel seiner Füße“. Wir warten wie Er und mit Ihm; aber hier ist es das Wort des Ausharrens. Dieses Wort ist unser Gewährsmann und unsere Sicherheit; Er führt uns durch das Wort in dieselbe Gesinnung und in denselben Geist ein, in dem Er Selbst wartet, getrennt von der Welt und mit Ihm eins in derselben Hoffnung, derselben Freude und demselben Glück, keine Ruhe findend, bis auch Er Seine Ruhe gefunden hat. —
Das Wort leitet unsere Gedanken, indem es uns Seine Gedanken mitteilt und uns in dieselbe Erwartung einführt, die Er hat. Möchten wir nur in diesen letzten gefährlichen Zeiten das Wort des Ausharrens Christi festhalten! Unsere Kraft gegen den Widersacher ist die Erkenntnis, die wir von Christo Selbst haben, nicht in Seiner kirchlichen Macht, sondern indem wir Ihn kennen als den Heiligen und Wahrhaftigen, indem wir warten wie Er, von der Welt getrennt, indem wir Sein Wort bewahren und für Ihn leben, wissend, daß Er uns aus der Versuchung, die über die Welt hereinzubrechen droht, herausnimmt.
Mittlerweile ist trotz allem die geöffnete Tür des Dienstes unser Teil. Indem wir so mit Ihm verbunden sind, haben wir dasselbe Teil wie Er. Da wir im Geiste nicht auf der Erde wohnen, sondern mit Ihm warten, läßt Er uns nicht durch die Stunde der Versuchung hindurchgehen, welche alle sichten wird, die ihre Heimat hier auf Erden haben. Die Menschen dieser Welt werden durch die Macht des Feindes und die Drangsal, die von seiten Gottes über sie kommt, in Bestürzung geraten; für diejenigen unter den Seinigen aber, die an dieser Welt hängen, wird Er die Welt so zur Qual machen, daß sie nicht länger damit verbunden bleiben können. Diesem allem entrinnt der Heilige von Philadelphia; er kann seine Augen zum Himmel und zu dem himmlischen Christus erheben.
Dem er angehört, und das mit Ihm verbundene Herz weiß, daß Christus es nicht täuschen wird, sondern daß Er, sobald Er Sich erhebt, um Seinen Platz der Welt gegenüber einzunehmen und Seine Macht gegen sie zu offenbaren. Seine Geliebten zu Sich nehmen wird, auf daß sie bei Ihm seien, der Hoffnung gemäß, die Er ihnen gegeben hat. Halten wir uns nur einfach an das geschriebene Wort Gottes, so können wir vor aller Macht unserer Gegner standhalten; nicht als ob wir ihre Gegner wären, Gott wolle uns davor bewahren! Aber in unserem Herzen möge das Bewußtsein lebendig sein, daß der Herr uns anerkennt; ögen wir mit unseren Herzen uns so in der Nähe Gottes befinden, daß wir Sein Wort, eben weil es Sein Wort ist, zu unserem Führer nehmen!
Dann wird die Macht Christi, diese Seine Kraft, in unserer Schwachheit vollbracht werden. Was die wahren Heiligen in der gegenwärtigen Zeit charakterisiert, st das geschriebene Wort Gottes, das dem Herzen den Charakter und den Namen Christi als Wahrheit und Heiligkeit mitteilt. Indem sie so in Gemeinschaft mit Dem wandeln, welcher „der Heilige und der Wahrhaftige“ ist, sind sie geborgen. „Siehe, ich gebe aus der Synagoge des Satans von denen, welche sagen, daß sie Juden seien, und sind es nicht, sondern lügen; siehe, ich werde sie zwingen, daß sie kommen und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe“. Hier begegnen wir Personen, die einen entgegengesetzten Charakter tragen, und der Herr spricht sehr deutlich über sie.
Er schont sie in keiner Weise: sie sind die Synagoge Satans. Worauf machten diese Juden Anspruch? Sie beriefen sich auf alles, was ihnen äußerlich ein religiöses Recht zum Regieren, zum Befehlen in Sachen der Wahrheit gab, nämlich auf das Alter und die von Gott eingesetzten Satzungen, die ihnen wirklich anvertrauf und der Beweis waren, daß sie das wahre und einzige Volk Gottes, das von Gott eingesetzte Priestertum bildeten. Sie machten Anspruch darauf, die einzigen berechtigten Verwalter der Segnungen Gottes und im Besitz Seiner Aussprüche zu sein; sie behaupteten auch, Eifer für Gott zu haben. Außer ihnen besaß niemand diese Vorrechte. Wo sollte man also anders das ewige Leben finden? Doch wenn die Autorität Christi im Herzen anerkannt wird, dann gilt das Wort:
„Dies habe ich euch geschrieben, auf daß ihr wisset, daß ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubet an den Namen des Sohnes Gottes“. Wenn Gott uns das ewige Leben in Christo gegeben hat, so bedürfen wir derjenigen nicht, die sich anmaßen, die ausschließlichen Verwalter des ewigen Lebens zu sein; wir können auch nicht gestatten, daß irgend etwas zwischen uns und Ihn trete und uns von Ihm trenne; wir können nicht von Christo weggehen, und den wahren Christus haben wir im Worte gefunden, noch von etwas anderem reden, als von dem, was wir gesehen und gehört haben. Wer mich anderswo hinführen möchte, den kann ich mit Leichtigkeit als der Synagoge Satans angehörend erkennen. Es mag sein, daß solche Personen jetzt Erfolge haben; ich aber will mit Christo warten und das Wort bewahren, worin Er mich anweist, mit Ihm zu warten, bis Er kommt und die Segnung und die Herrlichkeit offenbart.
Wenn Gott uns nun das ewige Leben gegeben hat, so sollten wir uns in gar keine Erörterungen mit denen einlassen, die der Synagoge Satans angehören, als ob sie irgendein Recht von Gott hätten, denn sie haben keins; vielmehr haben wir zu beurteilen, ob wir ihnen oder Gott Gehorsam schuldig sind. Wir haben den „Heiligen und den Wahrhaftigen“, und „das Geheimnis Jehovas ist für die, welche ihn fürchten“. Die Heiligen in Philadelphia sollten nicht mit dieser Synagoge Satans streiten; und obwohl sie nur eine kleine Kraft und kein Ansehen hatten, so sollten sie dennoch ihre Seelen durch ihr Ausharren gewinnen, weil Christus Seine Liebe zu ihnen angesichts ihrer Gegner offenbaren wollte.
Die Synagoge Satans war eine Religion des Fleisches, die sich auf äußere Dinge, auf alles, was die Natur als religiös für sich in Anspruch nehmen kann, auf Werke, Satzungen und dergleichen stützte, indem ihre Bekenner den Platz der Juden, wie sie zur Zeit des Apostels Paulus auftraten, einnahmen und behaupteten. Heutzutage ist es in geistlicher Beziehung noch genau so. Aber: „Ich werde machen, daß sie … erkennen, daß ich dich geliebt habe“. Der griechische Text legt besonderen Nachdruck auf die Wörtchen „ich“ und „dich“. Die Frage ist jetzt einfach: Ist mir Christus genug? Ist die Anerkennung von Seiten Christi für mich ein genügender Beweggrund, mein Betragen zu leiten? Wenn diese Anerkennung nicht genügt, um eine Seele zu befriedigen, so kann diese Seele niemals richtig wandeln. „Ich komme bald, halte fest, was du hast“, nämlich „das Wort meines Ausharrens“.
Der Herr sagt gleichsam: „Ich warte, und ihr müßt warten“. Er wartet, bis Seine Feinde gelegt sind zum Schemel Seiner Füße. Anstatt unsere Bequemlichkeit zu suchen, haben wir zu warten, bis Er auf den Schauplatz tritt, gleichwie Er stets wartete, bis Sein Vater eingriff, und wie Er jetzt wartet, bis Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt werden. Ich möchte an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, welchen hervorragenden Platz das Wort mein in diesem Sendschreiben hat. Wir sehen darin die praktische Einsmachung der Gläubigen mit dem „Heiligen und Wahrhaftigen“; wir, die wir mit Ihm warten, verworfen von denen, die alle Satzungen und das Alter für sich haben, werden Mitteilnehmer Seiner Herrlichkeit sein.
Das Wort mein steht in besonderer Weise in Verbindung mit allem, was in der Herrlichkeit ist. Ihr waret schwach im Zeugnis hienieden, aber ihr habt „das Wort meines Ausharrens“ bewahrt, und ihr werdet eine „Säule“ der Kraft sein „in dem Tempel meines Gottes“. Ich will auf euch schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen neuen Namen.
Diese Einsmachung mit Christo im Ausharren, ja in allem, ist voll des höchsten Interesses und der tiefsten Belehrung. Der Herr gebe uns Gnade, in der Kraft des Geistes zu wandeln! Er gebe uns, daß unsere Herzen so auf Ihn gerichtet seien, wie Er als der Heilige und Wahrhaftige geoffenbart ist, indem wir das Wort Seines Ausharrens bewahren, damit Seine Anerkennung unsere ewige Belohnung sei! Möge Er uns getrennt erhalten von der Welt, über die Er zum Gericht kommen wird! Wie ganz anders ist es, etwas zu erwarten, das gleich einem gezückten Schwert über dem Haupte hängt, oder aber Christum so zu kennen. Ihn so völlig als den Gegenstand unserer Wünsche und unserer Liebe zu besitzen, daß, wenn Er sagt: „Ja, ich komme bald!“ die unmittelbare Antwort unserer Herzen ist: „Amen! Komm, Herr Jesu!“
Wir haben uns am vorigen Abend die allgemeinen Charakterzüge der Versammlung zu Philadelphia vergegenwärtigt, so weit es nötig war, um den Zusammenhang dieser Versammlung mit der vorigen (Sardes) zu zeigen. Mit des Herrn Hilfe werden wir heute die Einzelheiten der Versammlung von Philadelphia betrachten. Da ist zunächst als ein Hauptzug hervorzuheben, daß es sich in diesem Sendschreiben um eine besondere Segnung handelt, einem besonderen Bedürfnis gegenüber. Nachdem wir in den vorhergehenden Versammlungen die Entfaltung des schrecklichen Bösen gesehen haben, finden wir jetzt bei Philadelphia nur Barmherzigkeit und Segnung.
Es ist sehr köstlich, zu bemerken, daß Gott Sein Volk, so arm und schwach es auch sein mag, selbst wenn die Getreuen sich auf einen Überrest von einzelnen Personen beschränken, nie vergißt. Sein Auge ruht stets auf ihnen, um ihnen aus Seinen eigenen Hilfsquellen darzureichen, wie und wann sie es bedürfen, in einer Zeit, wo alles um sie her so dunkel wie möglich ist. Wenn beide, Kirche und Welt, sich in einer Finsternis befinden, daß man sie mit Händen greifen kann, so besitzen die wenigen Getreuen am meisten „Licht in dem Herrn“.
Denn das Leben des Glaubens wird stets durch die treue Gnade Christi in einer Weise genährt und unterstützt, die im Verhältnis steht zu der Macht, die sich dem Glauben entgegenstellt, und zu den Schwierigkeiten, die es durchzumachen gibt. Es ist eine andere Frage, in welchem Maße der Herr Sich in dieser Zeit des Verfalls Seines Volkes als Zeugnis bedienen kann; dies wird Seine Weisheit entscheiden. Ein Beispiel hiervon sehen wir in Israel, wie wir dies schon früher bemerkten. Die Sünde des Volkes bei Gelegenheit der Aufstellung des goldenen Kalbes fand ihre Antwort in der inneren geistlichen Kraft bei Mose, als er das Zelt außerhalb des Lagers aufschlug. Und als späterhin der Baalsdienst öffentlich anerkannt und eingeführt war, erweckte Gott Elias und Elisa mit gewaltigen äußeren Offenbarungen der Macht, während die siebentausend Getreuen damals von Gott verborgen waren.
Der Herr mag es nicht für gut finden, das, was gefehlt hat, mit der äußeren Ehre des Zeugnisses zu bekleiden; aber Er verleiht die nötige Gnade und die innere Macht des Lebens, um die einzelne Seele zu unterstützen, und diese Gnade, die im Blick auf die jetzigen Heiligen von dem verherrlichten Haupte zur Erhaltung des Leibes auf Erden ausströmt, kann nie fehlen. So mögen z. B. jene Gaben in der Versammlung, die zuweilen „Wundergaben“ genannt werden — wie Sprachen, Gaben der Heilungen usw. — und die der Versammlung als ein Zeugnis für die Welt und als Zeichen für die Ungläubigen gegeben waren, verschwunden sein; aber die Gaben, die zur Erhaltung der Glieder des Leibes von dem Haupte herabfließen, können nie zurückgezogen werden; „denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, gleichwie auch der Christus die Versammlung“.
Im Brief an die Epheser, wo die Versammlung in besonderer Weise als der Leib Christi dargestellt ist, wird von den Gaben gesagt, daß sie der Versammlung „zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi“ gegeben sind. Hier werden die Wundergaben mit keinem Worte erwähnt, während wir im Korintherbrief von „Gaben der Heilungen“, „Arten von Sprachen“, „Auslegung der Sprachen“ usw. lesen. Wir finden also in der Schrift zwei bestimmt unterschiedene Arten von Gaben, zunächst die Wundergaben, d. h. öffentliche Zeichen, die der Versammlung zum äußeren Zeugnis gegeben waren, damit eine ungläubige Welt dadurch angezogen werde; und dann jene Gaben, die von dem Haupt zur Ernährung des Leibes ausströmen.
Diese Ernährung muß stets fortdauern, sei es in Verbindung mit einem äußerlichen Zeugnis, oder daß sie unmittelbar von Christo Selbst durch die Wirksamkeit Seiner Gnade ausgehe; nie aber wird diese von dem Haupt ausströmende Gnade fehlen. Und gerade dies ist es, was in der Versammlung von Philadelphia zutagetritt; denn was sie kennzeichnet, ist Schwachheit, ein offenbarer Mangel an Kraft, aber ein um so näheres Verhältnis zu Ihm, der die Kraft ist, ein höherer Grad von Liebe zu dem Herrn, eine größere Innigkeit der Gemeinschaft und endlich ein viel bestimmteres Einssein mit Ihm in den ihr gegebenen Verheißungen. Die Versammlung zu Philadelphia ist gekennzeichnet durch ihre Schwachheit, ohne daß der Herr jedoch einen Tadel für sie hat.
Und wir müssen uns stets daran erinnern, mag Gott durch äußerliche Entfaltung Seiner Macht, durch Gaben der Heilungen, durch Sprachen und dergleichen der Welt gegenüber ein Zeugnis geben, oder mögen diese alle aufgehört haben — daß in dem Bewußtsein der Schwachheit stets eine hinlängliche Kraft liegt, vorausgesetzt, daß es mit dem Glauben vermischt ist. Das Herz mag bei diesem Bewußtsein der Schwachheit beklommen sein, ohne daß gerade Unglauben zugrundeliegt. In dem Herrn Jesu war dies Bewußtsein der traurigen Szene um Ihn her in hohem Maße vorhanden, und Er gab dem in den Worten Ausdruck: „Jetzt ist meine Seele bestürzt, und was soll ich sagen?
Vater, rette mich aus dieser Stunde!“ Aber gerade dieses Gefühl war es, das Ihn unmittelbar mit Seinem Vater verband. Bei uns ist es leider nur zu oft der Fall, daß wir uns so sehr mit den traurigen Umständen um uns her einlassen und unsere Seelen mit den Gegenständen der Trauer beschäftigen, daß wir in Gefahr kommen, zu zweifeln, ob Gott auch imstande sei, in dieser Not zu helfen. Statt zu sagen: „Bei der Menge meiner Gedanken in meinem Innern erfüllten deine Tröstungen meine Seele mit Wonne“, sind wir in der Menge unserer Gedanken nur damit beschäftigt, zu ratschlagen, was zu tun ist; und indem wir so auf die Umstände blicken, sowie auf das, was wir in uns finden, und uns damit beschäftigten, lassen wir Gott ganz aus dem Spiel.
So handelte der Herr Jesus aber nie. Sobald die Stunde der Angst vor Seine Seele trat, rief Er aus: „Vater, rette mich aus dieser Stunde!“ Wenn wir uns in einer anderen Weise mit unserer Schwachheit beschäftigen, als daß wir dadurch zu dem unmittelbaren Gefühl der Kraft Gottes gebracht werden, in welcher Er mit uns und für uns ist, so ist es Unglauben. Zudem liegt unsere Kraft nicht in dem Gefühl der Größe der Gaben und Offenbarungen Gottes; denn Zeichen und Wunder teilen keine innere Kraft mit. Wohl können sie uns in Zeiten der Prüfung Sein Wort bestätigen, nie aber verleihen sie innere Kraft. Es ist sehr wichtig, dies recht zu verstehen. Nehmen wir als Beispiel den Apostel Paulus. Er wurde in den dritten Himmel entrückt und hörte dort Worte, welche der Mensch nicht sagen darf. Dies war etwas Außerordentliches, und die Seele des Paulus fand ohne Zweifel in der Erinnerung daran eine Art von Halt in den mannigfachen Prüfungen seines Weges; aber innere Kraft verlieh es ihm nicht. Im Gegenteil, sein Fleisch würde sich, ohne die allmächtige Bewahrung Gottes, erhoben haben, und das ist nicht Kraft.
Als er aber etwas empfing, das ihn zum Bewußtsein seiner eigenen Schwachheit brachte, da konnte sich die Kraft Gottes geltend machen. Und so verhält es sich mit uns; unsere Herzen sind so trügerisch, und unser Fleisch ist so schlecht, daß, wenn wir nicht darüber wachten, wir alles mißbrauchen würden, was Gott uns kundmacht. Wir brauchen uns nicht bei der Frage aufzuhalten, worin jener „Dorn im Fleische“ für Paulus bestand, obwohl man oft aus bloßer Neugierde viel darüber nachgeforscht hat; es ist für uns von viel größerer Bedeutung, zu bemerken, daß jeder von uns einen besonderen Dorn haben wird, je nach der Gefahr, der er ausgesetzt ist. So viel wissen wir aus Gal 4, 13. 14, daß es etwas war, was ihn dem Fleische nach verächtlich machen konnte, und so in seinem Dienste eine fühlbare Schwachheit hervorrief.
Deshalb schrie Paulus dreimal zum Herrn, daß Er es wegnehmen möchte, aber der Herr antwortete ihm: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“. Paulus mußte diese Schwachheit fühlen, um zu lernen, wo die wahre Kraft war; und dann konnte er sich seiner Schwachheit rühmen, auf daß die Kraft Christi in ihm wohnte, wie er sagt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“. Der Blick auf Gott verleiht immer Kraft; wenn aber unser Geist bei seiner Schwachheit stehen bleibt, statt sie vor Gott zu bringen, dann ist das Unglauben. Schwierigkeiten mögen sich erheben, und Gott mag gestatten, daß mancherlei kommt, was unsere Schwachheit an den Tag bringt; allein der einfache Weg des Glaubens besteht darin, daß wir vorangehen, ohne im voraus zu untersuchen, was wir zu tun haben, indem wir auf die Hilfe rechnen, die wir nötig haben und auch finden werden, sobald es an der Zeit ist.
Im Bewußtsein unseres eigenen Nichts sind wir glücklich, uns selbst vergessen zu dürfen, und dann wird Christus alles für die Seele. Wenn wir den einfachen Weg des Gehorsams verfolgen in dem, was uns zu tun obliegt, dann ist wirkliche Kraft für uns vorhanden, worin auch die Prüfung bestehen mag. So verhielt es sich mit David, als er kämpfen mußte. Er sagte zu Saul: „Jehova, der mich errettet hat aus den Klauen des Löwen und aus den Klauen des Bären, er wird mich aus der Hand dieses Philisters erretten“. Für David war es nicht wichtig, ob es sich um den Löwen, den Bären, oder den Riesen der Philister handelte; das alles war für ihn gleich, denn in sich selbst war er ebenso schwach dem einen wie dem anderen gegenüber; doch er geht ruhig voran und tut seine Pflicht, in der vollen Gewißheit, daß Gott mit ihm sein werde. Das ist Glauben. Einen völligen Gegensatz hierzu finden wir in dem Unglauben der von Mose ausgesandten Kundschafter. Sie sagten zitternd, daß sie wie Heuschrekken gewesen seien in den Augen ihrer Feinde, und vergaßen so völlig, was Gott für sie war.
Sie stellten sich selbst den Kindern Enaks gegenüber, statt diese Gott gegenüberzustellen. Sehe ich aber einfach auf den Herrn, so „vermag ich alles in dem, der mich kräftigt“. Wenn die Schwierigkeiten kommen, dann sollte unser Blick nicht auf uns, sondern in dem Bewußtsein, daß wir nichts als Schwachheit sind, einfach auf den Herrn gerichtet sein, in welchem alle Kraft für uns ist. In Philadelphia sehen wir offenbare Schwachheit, zugleich aber auch Treue. Es kann scheinbar eine große Kraft vorhanden sein und dennoch ist es nichts als Schwachheit; es kann, wie der Heilige Geist zu den Korinthern sagt, die Gabe, mit den Sprachen der Menschen und der Engel zu reden, das Verständnis aller Geheimnisse und alle Erkenntnis vorhanden sein, und doch zugleich die allergrößte Schwachheit herrschen, weil dies alles nicht in Gemeinschaft mit Gott ausgeübt wurde. Es gibt keinen gefährlicheren Zustand, als wenn die äußere Kundgebung von Kraft die innere Verbindung und Gemeinschaft der Seele mit Gott überschreitet; das innere Leben muß in Übereinstimmung sein mit der äußeren Entfaltung der Kraft.
„Dieses sagt der Heilige, der Wahrhaftige“. Wir sehen hier in Philadelphia den Herrn in Seinem moralischen Charakter, nicht aber in Seiner persönlichen Macht als Sohn Gottes. Sein Charakter als „der Heilige, der Wahrhaftige“ ist der Maßstab des Gerichts über alles, was mit Ihm nicht übereinstimmt; zugleich aber paßt Er sich auch als solcher in Gnade der Lage und den Bedürfnissen Seiner Getreuen an und gibt ihnen durch Seine Wahrheit die Fähigkeit des Urteils, die Sicherheit des Herzens und das Vertrauen. Ihm stehen auch zu Gunsten der Versammlung solche Mittel zu Gebote, daß, wenn Er eine Tür öffnet, niemand zu schließen, und wenn Er sie schließt, niemand zu öffnen vermag.
Wir finden hier also zweierlei: Zunächst ist Er für alle, die Ihm vertrauen, der Heilige und der Wahrhaftige; und dann besitzt Er, obwohl wir hier nicht die wirkliche Entfaltung der Gewalt sehen, den Schlüssel der Gewalt, wie Jehova von Eljakim zu Schebna (Jes 22, 22) sagt: „Und ich werde den Schlüssel des Hauses Davids auf seine Schulter legen, er wird öffnen und niemand wird schließen, und er wird schließen und niemand wird öffnen“. Wo sich also jene Schwachheit findet, ermuntert Er die Versammlung, auf Ihn, den Heiligen, den Wahrhaftigen, zu blicken und Ihm zu vertrauen; und wo Sein Recht, zu öffnen und zu schließen, der Stützpunkt der Seele ist, wo dieses Vertrauen auf Seine Person, diese Gleichförmigkeit mit Seinem Charakter vorhanden ist, da ist die Versammlung in völliger Sicherheit. Was sich auch ereignen möge, selbst wenn die Macht des Menschen und des Satan bis zum äußersten ginge — ruhe ich in Christo, der vollkommen wahrhaftig ist, und hat Er eine Tür vor mir geöffnet, so kann weder Mensch noch Teufel sie schließen.
Diese Stellung der Versammlung zu Philadelphia hat eine überraschende Ähnlichkeit mit der Stellung des Herrn, als Er hienieden war: Alles suchte vor Ihm die Tür zu verschließen: Pilatus, Herodes, Schriftgelehrte, Pharisäer und das ganze Volk der Juden. Auch befand Er sich, gleich der Versammlung in Philadelphia, inmitten einer Ordnung von Dingen, die Gott einst eingesetzt hatte, die aber in gänzlichen Verfall geraten war; denn zur Zeit Christi war keine Bundeslade da, kein Urim und Thummim, keine Schechinah (die Herrlichkeit der Gegenwart Gottes im Tempel); alles, was die sichtbare Entfaltung der Macht und des Zeugnisses ausgemacht hatte, war verschwunden, und statt daß Jehova in Jerusalem einen Thron gehabt hätte, waren die Juden selbst unter die Macht der Nationen geraten, waren Sklaven eines menschlichen Thrones geworden. Gerade dieses Verhältnis machte die Frage der Pharisäer und Herodianer:
„Was denkst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht?“ so überaus spitzfindig. Hätte der Herr mit „nein“ geantwortet, so würde Er damit die Strafe Gottes wegen ihrer Sünden geleugnet haben; hätte Er ihre Frage bejaht, so würde das einem Aufgeben Seiner Rechte als Messias gleichgekommen sein. Doch Er erkannte ihre Bosheit, und Seine Antwort ließ sie verstummen. Ihre Bedeutung war: Da ihr euch wegen eurer Sünden unter diese Herrschaft gebracht habt, so müßt ihr euch jetzt deren Gesetzen unterwerfen. Er erklärt damit nicht allein, daß die Gewalten, welche sind, von Gott verordnet sind, und wir uns ihnen als solchen zu unterwerfen haben, sondern hier in dem Fall Israels würde Er, wenn Er anders geantwortet hätte, verneint haben, daß die Strafe Gottes wegen ihrer Sünden über sie gekommen war, wie geschrieben steht: „Siehe, wir sind heute Knechte . . . um unserer Sünden willen“.
Der Herr Selbst unterwarf Sich der Entrichtung der Tempelsteuer. Aber wenn auch Israel — als Volk — Gott gegenüber nicht treu geblieben war, so konnte doch Gott Seine Treue gegen das Volk nicht verleugnen; denn Sein Geist wohnte in ihrer Mitte (vergl. Haggai 2, 5). Deshalb gab es auch einen kleinen Überrest in Israel, wie z. B. Hanna und Simeon, der auf die Erlösung in Israel wartete. Es herrschte also ein Zustand gänzlicher Finsternis in Israel, und als Der, welcher das Licht war, erschien, wurde Er alsbald verworfen. Aber war nun die Tür vor Ihm verschlossen? Nein, — sondern: „diesem tut der Türhüter auf“ (Joh 10, 3).
Christus ging durch die Tür in den Schafhof ein und stieg nicht wie die, welche vor Ihm diesen Platz beansprucht hatten, anderswo hinüber. Er betrat, indem Er in göttlicher Macht wirkte, den von Gott bezeichneten Weg, und niemand konnte die Tür vor Ihm verschließen. Ebenso hat Gott auch uns den Weg bezeichnet; Christus sagt von Sich Selbst: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden“. Alles was unsere Stellung mit Christo, als einem Beispiel und Muster, verbindet, ist in Wahrheit eine Segnung für uns. Hat es wohl je einen Menschen gegeben, der in allem eine so unwandelbare, demütige Treue Gott gegenüber bewies, wie Er?
Vergleichen wir z. B. Seinen niedrigen Pfad mit dem Pfad des Elias. Elias übte seinen Dienst mit großer äußerlicher Machtentfaltung aus, indem er Feuer vom Himmel herabfallen ließ, um die Propheten Baals zu vernichten; und er meinte, er sei allein Gott treu geblieben, während Gott noch siebentausend kannte, die ihre Knie vor Baal nicht gebeugt hatten; aber Elias hatte sie nicht entdeckt. Christus dagegen war zufrieden, nichts zu sein in einer Welt, wo der Mensch alles war und wo Gott ausgeschlossen war; Er ließ es über Sich ergehen, als Auskehricht der Welt behandelt zu werden. Und doch gab es zu gleicher Zeit kein einziges verlorenes Schaf vom Hause Israel, (mochte es auch der verworfenste Sünder, das Weib von Samaria, die Ehebrecherin, oder ein Zöllner sein) das Seine Stimme, die Stimme des guten Hirten, nicht erreicht, oder das Sein Auge nicht entdeckt hätte.
Deshalb stellt Er, kraft dieser Seiner Erniedrigung, alle, die jetzt nur jene „kleine Kraft“ besitzen, an denselben Platz, den Er eingenommen hat; und gleichwie der Türhüter Ihm aufgetan hat, so tut Er jetzt auch ihnen die Tür auf, die niemand zu. schließen vermag. Wir warten auf die Herrlichkeit: „die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben“; aber während wir so warten, müssen wir einen Schauplatz durchschreiten, der gleichsam die Überschrift „Ikabod“ (Nicht-Herrlichkeit; vergl. 1. Sam 4, 21) trägt. Das Zeugnis der gegenwärtigen Verwaltung ist, was seine öffentliche Macht anlangt, dahin, um nie wiederhergestellt zu werden. Was der Herr jetzt Seinen Heiligen einschärft, ist, daß sie nicht denken sollen, daß ein Übel, wie dasjenige von Thyatira und Sardes, je wieder geordnet werden könne.
Er sagt nur: „Ich komme bald; halte fest, was du hast, auf daß niemand deine Krone nehme“; das heißt: Bewahre das Wort meines Ausharrens, bis ich komme. Wir befinden uns also in Umständen, die denen des Herrn ähnlich sind, und wenn Er sagt: „Ich komme bald“, so geschieht dies, um unsere Stellung der Seinigen um so ähnlicher zu machen, eine Stellung, die, wenn sie mit Prüfungen und Demütigungen verbunden ist, eine sehr segensreiche ist, indem sie der Stellung völlig gleicht, die Jesus einnahm und welche dieselbe Verheißung hat: eine geöffnete Tür, die niemand zu schließen vermag. Der Glaube ist nötig für die gegenwärtige Zeit. Es handelt sich nicht um viel Kraft; was wir am meisten bedürfen, ist mehr Ähnlichkeit mit der Stellung Christi. Dann gibt es noch etwas anderes, was der Versammlung zu Philadelphia eigentümlich ist.
Der Herr beschäftigt Sich nicht damit, ihre Werke zu prüfen, sondern Er stellt die Herzen dieser Armen und Schwachen zufrieden mit dem Bewußtsein, daß Er sie kennt. Bei den früheren Versammlungen war es anders; dort hob Er stets den Charakter ihrer Werke hervor. So sagt Er zu Sardes: „Ich habe deine Werke nicht völlig erfunden vor meinem Gott“. Für uns aber genügt es, zu wissen, daß Er unsere Werke kennt. Welch ein Trost ist das für uns! Ach! wenn wir nach Vollkommenheit zu suchen hätten, wie schwer würde es uns werden, Rechnung abzulegen!
Die gegenwärtige Verwirrung, der schwache Glaube, alles das würde uns verzagt machen; denn unsere Werke entsprechen in Wirklichkeit durchaus nicht der empfangenen Gnade. Wohl ist viel Tätigkeit vorhanden, viel, was von seiten des Menschen Beifall finden kann; wenn wir aber den allgemeinen Charakter des Dienstes betrachten, wie schwer ist es dann, etwas zu finden, das Gottes Beifall haben könnte. Im Blick auf den allgemeinen Zustand der Dinge um uns her und denjenigen der Versammlung Gottes Selbst würden unsere Herzen ganz und gar verzagen müssen, wenn wir unsere Zuflucht nicht zu der gesegneten Wahrheit nehmen könnten, daß Christus alles weiß. Doch sagt der Herr, daß gar nichts bei ihnen vorhanden sei?
0 nein; Er sagt: „Du hast mein Wort bewahrt“. Das, was Christum charakterisierte, muß auch das Kennzeichen der Versammlung Gottes sein. Christus konnte sagen: „In meinem Herzen habe ich dein Wort bewahrt“, und dies ist auch das besondere Kennzeichen der Treue in den letzten Tagen. Paulus schreibt an Timotheus, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten kommen und eine schreckliche Form der Gottseligkeit ohne Kraft vorhanden sein würde — denn schon damals war das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam — und daß „böse Menschen und Gaukler im Bösen fortschreiten“ würden. Den einzigen Schutz gegen dieses Übel bezeichnet der Apostel mit den Worten:
„Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die Heiligen Schriften kennst“, — jenes einfache, geschriebene Wort, das wir die Bibel nennen und das er von Jugend auf gelesen hatte. Die Sicherheit sollte nicht in der Kundgebung äußerer Macht, noch in Zeichen und Wundern bestehen, sondern einfach und allein in dem geschriebenen Wort. Dies war das Mittel der Segnung, dies die von Timotheus anerkannte Autorität.
Selbstverständlich war die Gnade Gottes zu seiner Bekehrung notwendig gewesen. Ich erwähne dies hier, weil das treue Festhalten an dem Wort, an der unbedingten Autorität des Wortes Gottes Selbst, in diesen letzten Tagen die einzige Sicherheit bietet. Das war es, was Timotheus als Kind in den Schriften gefunden hatte; und diesem war natürlich das hinzugefügt worden, was er von den gleichfalls inspirierten Aposteln gelernt hatte, und was auf diese Weise für ihn zu einer gekannten und unmittelbar göttlichen Autorität in einer Person wurde — „du weißt“, sagt der Apostel, „von wem du gelernt hast“ — und was seitdem für uns das geschriebene Wort geworden ist. Dieses geschriebene Wort Gottes ist es, in dem für uns durch die Gnade alle Sicherheit liegt. Der Herr sagt nicht zu Philadelphia: „Ihr habt Kraft“, wohl aber: „ihr habt mein Wort bewahrt“; auch sagt Er nicht: „ihr habt mich unter diesem oder jenem Charakter gekannt“, sondern: „ihr habt „meinen Namen nicht verleugnet“.
Der Name des Herrn bedeutet immer die Offenbarung dessen, was Er ist. Der Herr sagt hier gleichsam: Da du an mir festgehalten hast, so wie ich mich geoffenbart habe, so will ich machen, daß die, welche einen falschen Namen und falsche Ansprüche haben, „kommen und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe“. Hier sehen wir die beiden Charaktere einander gegenübergestellt. Beachten wir auch den Nachdruck, der auf dem Worte „mein“ liegt. Ich bin berufen, mich auf das Wort Christi zu stützen. „Mein Wort“ sagt Er; es ist das Wort Christi Selbst, die persönliche Gemeinschaft mit Ihm Selbst, nicht das Wort der Kirche. Würde ich z. B. das Wort der Kirche annehmen, so schriebe ich dadurch der Kirche Autorität zu; ist es aber das Wort Christi, das ich annehme, so besitze ich die Autorität Christi Selbst, und durch dieses Wort muß ich alles, auch wenn es die Kirche selbst betrifft, beurteilen.
Das Wort Christi verbindet uns mit Ihm, mit Seinem Namen und mit Seiner Person, und beides ist für uns ganz besonders nötig, um uns in den Stand zu setzen, den verführerischen Mächten zu widerstehen, welche, wie wir wissen, ein Charakterzug dieser letzten Tage sind; wie geschrieben steht: „Böse Menschen aber und Gaukler werden im Bösen fortschreiten“; und: „dieses habe ich euch von denen geschrieben, die euch verführen.“ Wenn es sich um den allgemeinen Charakter der Zeiten handelt, so wissen wir, daß wir jetzt eine verführerische Macht zu erwarten haben. Ein bestimmter, persönlicher Antichrist wird erscheinen, um diese Macht der Verführung in ganz besonderer Weise zu offenbaren; aber „auch jetzt sind viele Antichristen geworden“, und deshalb haben wir „für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen“.
Wenn der, dessen Ankunft nach der Wirksamkeit Satans ist, in aller Macht und Zeichen und Wundern der Lüge diejenigen betrügen wird, die verloren gehen, „darum daß sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, damit sie errettet würden“, so tut es uns not, an dem festzuhalten, was uns vor ihm, der als ein Engel des Lichts erscheint, allein bewahren kann; die aber, welche die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, werden in seinen Schlingen gefangen werden. Und diesen Schutz besitzen wir in dem Worte Christi Selbst, indem wir das Wort Seines Ausharrens bewahren und Seinen Namen nicht verleugnen. Dies muß eine persönliche Sache sein; denn da die verführerische Macht vorhanden ist, so sind die Zeiten, in denen wir leben, „schwere Zeiten“, nicht wegen offener Verfolgungen oder ähnlicher Schwierigkeiten, sondern weil unsere Herzen, gleichwie Eva durch die List der Schlange verführt wurde, in Gefahr stehen, verderbt und von der Einfalt, die in Christo ist, abgewandt zu werden.
Und ich wiederhole noch einmal, daß der einzige Schutz gegen die List und Macht Satans nicht in unserer Kraft besteht — denn wir sind die Schwachheit selbst: „du hast eine kleine Kraft“, sondern darin, daß jede einzelne Seele persönlich an dem geschriebenen Worte Christi festhält und Seinen Namen nicht verleugnet. Es scheint nicht viel zu sein, wenn von den Gläubigen zu Philadelphia gesagt wird, daß sie Sein Wort bewahrt und Seinen Namen nicht verleugnet haben; sie hatten wahrlich nicht viel getan. Allein wenn dieses von ihnen gesagt werden konnte zu einer Zeit, da die verführerische Macht des Bösen vorhanden war, so war damit alles gesagt. Sie bewahrten das geschriebene Wort, als alles um sie her darauf hinarbeitete, es beiseitezusetzen; sie verleugneten den Namen Christi nicht, während er auf allen Seiten verleugnet wurde. In den Augen Gottes ist es nicht etwas Großes, Feuer vom Himmel herabfallen zu lassen, wie Elias dies tat, sondern treu zu sein inmitten der uns umgebenden Untreue.
So schien es auch nicht viel zu sein, wenn von den siebentausend, die sich dem groben Baalsdienst nicht angeschlossen hatten, gesagt wurde: „sie haben ihre Knie nicht vor dem Baal gebeugt“; in Wahrheit aber hieß dies alles zu ihren Gunsten sagen, da ihre ganze Umgebung sich willig vor Baal in den Staub beugte. So wurde auch die Kirche Gottes im Anfang in Macht aufgerichtet, aber bald wurde das Unkraut in Menge unter den Weizen gesät. Das Kennzeichen der Getreuen besteht nun darin, daß sie, wenn die verführerische Macht des Bösen hereinbricht, sich durch sie nicht verführen und mit fortreißen lassen. Es besteht nicht in der Kundgebung äußerer Macht, sondern in der Treue im Wandel mit Gott inmitten des Bösen. In der Versammlung zu Philadelphia war diese Treue im Wandel vorhanden, und sie verlieh den Getreuen innere Kraft, obwohl keine äußere Macht-Entfaltung vorhanden war.
„Siehe, ich gebe aus der Synagoge des Satans von denen, welche sagen, sie seien Juden, und sind es nicht, sondern lügen“. Hier wird diese persönliche Treue in einem verborgenen Wandel mit Gott denen gegenübergestellt, die einem festgestellten System anhingen, dem es an Formen und an Ansehen im Fleische nicht fehlte. Diese rühmten sich, Juden zu sein, und unternahmen es, das wieder aufzurichten, was äußerlich das Volk Gottes gekennzeichnet hatte; aber sie berücksichtigten nicht, daß Gott etwas „Neues“ aufgerichtet hatte, welches das Herz auf die Probe stellt.
Sie verwarfen das Wort Gottes nicht (ebensowenig wie die Juden es taten), aber sie ließen sich nicht durch dieses Wort leiten. Die Juden erkannten die Schriften an, aber sie verwarfen Christum und töteten Ihn; wie Jesus Selbst sagte: „Sie werden euch aus der Synagoge ausschließen“. Und sie taten dies in der Meinung, Gott damit einen Dienst zu erweisen. „Es kommt aber die Stunde, daß jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott einen Dienst darzubringen“. Dies war aber nichts anderes, als die Verwerfung des von Gott gesandten Lichts: „Und dies werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben“ (Joh 16, 2. 3). Eine althergebrachte Wahrheit, die in der Welt Anerkennung gefunden hat und deshalb als orthodox bezeichnet wird, kann das Herz nicht auf die Probe stellen; sie verleiht der Natur Ansehen und verschafft Achtung. Wenn die Religion mir Anerkennung verschafft, statt das Herz in der Übung des Glaubens auf die Probe zu stellen, so kann ich versichert sein, daß es nicht die Religion Gottes ist.
Es mag bis zu einem gewissen Grade die Wahrheit sein, aber es ist nicht der Glaube an Gott. So setzten jene Juden den Namen und das Wort Christi beiseite für Dinge, auf die sie sich stützen konnten, während es kein Herz für Christum mehr gab. Überlieferungen, Satzungen, die Väter usw., das waren die Dinge, die sie liebten, aber nicht das Wort Christi. Allerdings waren die Juden das Volk Gottes gewesen, aber sie hatten den Namen Christi verworfen und mit Füßen getreten. Und dies ist es, was jetzt den ganzen Unterschied ausmacht. Seitdem Christus geoffenbart worden ist, erwartet Gott einen unbedingten Gehorsam gegen Seinen Sohn. Ein treues Anhangen an Christo ist jetzt alles. „Ich werde sie zwingen, daß sie kommen und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe“. Gott erkannte die, welche jenes religiöse Altertum für sich in Anspruch nahmen, nicht als Sein Volk an.
Das Einzige, was für sie blieb, war, zu erkennen, daß Christus diesen armen, verachteten Überrest geliebt hatte. „Ich werde sie zwingen, daß sie erkennen, daß ich dich geliebt habe“. Hieraus ersehen wir, was das Herz befriedigen soll; es ist nicht die gegenwärtige Anerkennung von seiten derer, die vorgeben, Gott zu kennen, während sie Ihn in ihren Werken verleugnen, sondern das stille, feste Vertrauen, daß es von Christo geliebt ist. Darin wird das Herz auf die Probe gestellt. Suchst du gegenwärtigen Genuß, schöne Gemälde für deine Sinne, das, was den Geschmack befriedigen und die Einbildungskraft nähren kann; wünschest du Menschen zu gewinnen und etwas vom „ehrwürdigen Altertum“ zu haben, so wisse, daß Christus in keinem dieser Dinge ist. „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“, und Er Selbst ist die Wahrheit, „der Heilige und Wahrhaftige“.
Und wenn die Liebe zu Jesu als etwas Gegenwärtiges unsere Seelen erfüllt, so haben wir in Ihm alles, was wir bedürfen. Man hört oft die Frage: Was ist Wahrheit? In den Augen aller, die so fragen, mögen die obengenannten Ansprüche Gewicht haben. Die Synagoge Satans kann eine alte, geachtete Religion sein, voll von Anziehungskraft und von allem; was Autorität über das Fleisch hat, und sie wird von allen angenommen, die dem Pilatus gleichen, welcher fragte: was ist Wahrheit? — der dann aber Jesum, der die Wahrheit ist, kreuzigte, um den Priestern der damaligen Zeit zu gefallen. Der Charakter dieser letzten Tage ist eben der, daß die Menschen immer die Wahrheit suchen, aber nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Ich habe nicht nötig zu fragen: Was ist Wahrheit?
wenn ich die Wahrheit besitze. Was jemand sucht, das hat er noch nicht. Ein Mensch, der stets die Wahrheit sucht, bekennt damit, daß er sie noch nicht besitzt. Christus hat gesagt: „Ich bin die Wahrheit“; Er ist der Mittelpunkt aller Wahrheit und die Grundlage von allem, was uns mit Gott verbindet. Ein Ungläubiger wird in bezug auf alles Zweifel erheben, aber nichts Gewisses aufstellen können. Wir bedürfen aber etwas Gewisses, und sobald wir die Person Christi haben, besitzen wir die Wahrheit. „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“. Wenn ich wissen will, was Gott ist und was der Mensch ist, so habe ich in Christo ein vollkommenes Bild von dem, was Gott für den Menschen ist und was Christus, als Mensch, für Gott ist. Alles findet sich in Christo. Sicherlich haben wir in dieser Erkenntnis zu wachsen. Ein Herz, das Christum besitzt, braucht die Synagoge Satans nicht.
Ein jeder, der Sein Zeugnis angenommen hat, hat versiegelt, daß Gott wahrhaftig ist; die Seele, die dies weiß, wird auf die einfachste Weise vor dem Bösen bewahrt. Ich habe ebensowohl Gnade wie Wahrheit empfangen: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden“. Als ich in der Lüge lebte, war es die Gnade, welche die Wahrheit in meine Seele brachte; und was braucht die Seele mehr? Wohl empfindet sie Schmerz, weil der Schauplatz, den sie durchpilgert, verunreinigt ist; aber sie ist nicht mehr in Ungewißheit darüber, was ihr Teil ist, sie hat alles in Christo gefunden.
Es braucht zu der verborgenen Segnung nichts mehr hinzugefügt zu werden. „Ich werde sie zwingen, daß sie kommen und sich niederwerfen vor deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe“. Wir kennen diese Liebe jetzt schon, doch nicht als ob wir sie verdient hätten, denn alles ist Gnade; aber wir genießen sie jetzt durch die Gegenwart Christi. Wir kennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, sowie die Liebe des Vaters nach den Worten des Herrn: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, auf daß die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen“. Die Welt weiß es jetzt nicht, aber an jenem Tage wird sie erkennen, daß der Vater uns geliebt hat, gleichwie Er Seinen Sohn geliebt hat. Wenn das Herz diese Liebe Christi versteht, ruht es in ihr; es ist zufrieden, in der Gegenwart die Liebe Christi zu genießen, wenn auch seine Umgebung nichts davon versteht.
Der Herr ist jetzt in mancherlei Weise bemüht, unsere Herzen von allem, was uns hier umgibt, zu entwöhnen, damit wir in dem Zeugnis Seiner persönlichen Liebe zu uns das finden möchten, was unseren Glauben stärkt, das Gewissen befestigt und das Herz leitet. Christus sagt: „Ich bin der Hirte“, und dies berechtigt das Schaf, Ihm zu folgen.
Als Er auf Erden war, bestand die jüdische Haushaltung noch; Gott hatte sie eingesetzt, und niemand war ermächtigt, aus dem jüdischen System auszutreten, bis Christus dies tat; dann aber hatte das Herz, das sich zu Christo hingezogen und mit Ihm verbunden fühlte, den besonderen Befehl, ebenfalls aus diesem bestehenden System hinaus und zu Ihm hinzugehen: „dem Lamme zu folgen, wohin irgend es geht“. In dem Sendschreiben an die Versammlung zu Philadelphia finden wir die Verheißung, die der Hoffnung der Getreuen, bei Christo in der Herrlichkeit zu sein, begegnet. Indem sie sich einsmachen mit Ihm in Seiner Stellung, werden sie auch einsgemacht mit Ihm Selbst und mit dem Worte Seines Ausharrens.
Nicht die ganze Kirche war eines Sinnes mit den Gläubigen in Philadelphia, auch genossen diese noch nicht das völlige Resultat Seiner Liebe, insofern sie Christum noch nicht persönlich und völlig bei sich hatten. Aber wenn die Liebe Christi die Richtschnur meines Verhaltens ist, dann wünscht mein Herz, Christum bei sich zu haben; denn wenn wir jemanden lieben, so wünschen wir sicherlich, bei ihm zu sein. Ist aber Christus in unseren Herzen, dann bewahren wir das Wort Seines Ausharrens. Es ist allerdings eine Zeit der Prüfung, der Sichtung, der Reinigung, der Übung, aber wir müssen warten. Beachten wir, wie dieses gesegnete Einssein und die Verbindung mit Ihm beständig betont wird. Es heißt nicht einfach: das Wort des Ausharrens, sondern „meines Ausharrens“. Und weshalb? Weil Christus noch wartet (siehe ps 110). Dies bestimmt unser ganzes Verhalten; denn wenn Christus wartet, so müssen auch wir noch warten. Christus verharrt in einem Zustande des Wartens, sozusagen in der Übung des Ausharrens, bis zu der vom Vater bestimmten Zeit. Dies ist auch, wie ich nicht zweifle, der Sinn Seiner Worte, wenn Er sagt: „Von . . . jener Stunde weiß niemand, sondern nur der Vater“.
Christus hat alles getan, was für Seine Freunde nötig war, um sie Gott darzustellen, und Er hat Sich zur Rechten Gottes gesetzt, „fortan wartend, bis seine Feinde gelegt sind zum Schemel seiner Füße“. Christus wartet, bis Er alle Seine Freunde gesammelt hat, bevor Er auf der Erde gegen Seine Feinde in Tätigkeit tritt. Deshalb liegt für uns in dem Ausdruck: „mein Ausharren“ gerade das, was wir bedürfen; denn wir erwarten den Tag, von welchem Christus zu uns sagt: „Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen …“ (Joh 14). Die ganze Schöpfung um uns her seufzt in der Erwartung dieses Tages, und auch wir selbst seufzen in uns selbst, indem wir die Erlösung des Leibes erwarten. Aber bis dahin ist alles in Unordnung. Wo sind die Juden, die immer noch „Geliebten um der Väter willen?“
Sie irren heimatlos auf der ganzen Erde umher, ohne Priester, ohne Teraphim, ohne alles; sie sind wie ein verdorrter Baum, wie eine Eiche, wenn sie ihre Blätter abgeworfen hat (Jes 6, 13), obwohl der Herr unter ihnen wirkt. Blicke ich auf die Welt, so ist alles Sünde und Elend; betrachte ich die ganze Schöpfung, sie seufzt; und von dem, was sich Kirche nennt, höre ich den allgemeinen Ausruf: „Wer wird uns das Gute schauen lassen?“ — Wer fühlt sich befriedigt durch irgend etwas, was es auch sei? Ich rede nicht von dem Gefühl der Unzufriedenheit im schlechten Sinne; aber es gibt nichts, worin die Seele Ruhe finden könnte, gleichviel, welches System man auch ins Auge fassen mag.
Das allgemeine Gefühl ist, daß die Grundfesten der Welt wanken. Wohl mag der Rabe ausfliegen und sich auf einen schwimmenden Leichnam niederlassen; die Taube aber findet nirgends Ruhe für ihren Fuß, als nur in der Arche. Was haben wir inmitten der dichten Finsternis der Nacht, was unseren müden Seelen Ruhe geben könnte? Nichts als die gewisse Erwartung der Ankunft des glänzenden Morgensterns. Bis wann wird Christus warten, um das Gericht auszuüben?
Sobald Er Seine Freunde zu Sich genommen hat, wird Er Sich mit Seinem richterlichen Charakter bekleiden; ich meine nicht, daß Er dann alle Seine Feinde mit einem Schlage vernichten wird; aber wenn dieser Augenblick gekommen ist, wird Er Seine große Macht übernehmen. Vor allem aber wartet Er darauf, daß die, welche mit Ihm teilhaben, auch bei Ihm und Ihm gleich sind. Wir sind „zuvorbestimmt“. Seinem „Bilde gleichförmig zu sein“ (Röm 8, 29). Und wenn Er einst Seine Braut bei Sich haben wird in Seiner Herrlichkeit, dann wird Er „von der Mühsal seiner Seele Frucht sehen und sich sättigen“. Wenn der Starke, der als Haupt mit Seinen Gliedern zu einem Körper vereinigte Christus, dieser geheimnisvolle Mensch, das männliche Kind von Offb 12, in Tätigkeit treten soll, muß Er zuvor vollständig sein; natürlich ist Er dies Seinem Wesen nach schon in Sich Selbst, aber noch nicht als das Haupt über alles, welches der Versammlung, Seinem Leibe, gegeben ist.
Das Haupt und der Leib müssen vereinigt sein, ehe Er unter diesem Titel vor der Welt auftreten kann; denn das Haupt ohne den Leib bildet nicht den vollständigen Menschen, den Christus, Der nach den Ratschlüssen Gottes als Der, Der alles in allem erfüllt, erscheinen wird, um das Gericht auszuüben. Deshalb muß die Versammlung, als der Leib, mit Christo, als dem Haupte, im Himmel vereinigt, also zu Ihm aufgenommen sein, ehe Christus zum Gericht erscheinen kann. Was ist nun das große Hindernis, das der völligen Segnung der Versammlung im Wege steht? Von Anfang an hat sich alles verderbt: Adam — der Mensch vor der Flut — Noah — der Mensch unter dem Gesetz — und wenn wir auf das Christentum blicken, wieviel Unkraut ist unter den Weizen gesät worden! Betrachten wir endlich das Priestertum, so sehen wir, daß es unter dem Einfluß Satans den Platz Christi und unserer Verbindung mit Ihm einnimmt. Wenn dies alles zur Zeit des gänzlichen Abfalls seinen Höhepunkt erreicht haben wird, dann wird die Tätigkeit der richterlichen Macht beginnen, um das Böse hinwegzutun.
Die erste Handlung dieser Macht wird, nachdem Christus mit Seinem Leibe vereinigt ist, darin bestehen, daß Satan mit seinen Engeln aus dem Himmel ausgeworfen wird (Offb 12, 9), um nie wieder dort gesehen zu werden. Auf die Erde geworfen, wird der Teufel große Wut haben, „da er weiß, daß er wenig Zeit hat“; in seinem Zorn wird er seinen Charakter als der große Widersacher des Herrn Jesu Christi in seiner höchsten Entfaltung zeigen, indem er alles wider Ihn aufwiegelt. Allein der Herr wird dann mit Seinen Heiligen kommen, um das Gericht auf Erden auszuführen. Er muß die Dinge dadurch zurechtbringen, daß Er das Böse hinwegtut.
Und sobald Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt sind, führt Er die Fülle der Segnung herbei. Ich wiederhole jedoch noch einmal, daß das Gericht erst nach der Vereinigung der Versammlung mit Christo erfolgen wird. Der geheimnisvolle Mensch muß erst in dem oben angedeuteten Sinn vollendet sein, ehe Er das Gericht ausführen kann. Sobald dies aber geschehen ist, nimmt Christus einen ganz neuen Charakter an. Bis zu dem Augenblick, da Er uns in die Herrlichkeit einführt, wird Er als Heiland dargestellt; und selbst nach der Aufnahme der Versammlung wird ohne Zweifel wieder ein geretteter Überrest vorhanden sein. Dann aber ist die Zeit der Annehmung vorüber, und Christus „richtet und führt Krieg in Gerechtigkeit“.
Und wenn Er so erscheinen wird, werden wir völlig verstehen, warum es jetzt das „Wort Seines Ausharrens“ ist; denn bis dahin, daß Er Seine große Macht übernimmt und regiert, sind wir nach Herz und Sinn in dem Worte Seines Ausharrens mit Ihm verbunden. Und die besondere Segnung, die für uns darin liegt, ist, daß wir mit Christo Selbst vereinigt sind und in allen Dingen vollkommen das gleiche Los haben, wie Er Selbst. Ohne im geringsten die göttliche Herrlichkeit Seiner Person anzutasten, können wir sagen, daß Christus, als Mensch, in Seinem Charakter als Diener, warten muß, bis es Gott gefällt, alles unter Seine Füße zu legen, und dies ist, wie ich nicht zweifle und bereits angedeutet habe, der Sinn der Worte: „Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, weder die Engel, noch der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mk 13, 32).
Indem wir so mit Christo verbunden sind und Seine stete Liebe als das Teil besitzen, das unsere Seele völlig befriedigt, ziehen wir vor, zu warten und das Glück mit Ihm zu empfangen, als vor Ihm. Eine vollkommene Verbindung mit Christo Selbst ist es, was die Versammlung Gottes charakterisiert; sie ist nicht nur gesegnet, sondern mit Dem verbunden. Welcher segnet. Wir sind Seine Braut; dies ist unser besonderer Platz, und wenn wir in unseren Gedanken oder unserem Herzen nach einen niedrigeren Platz einnehmen, so entfernen wir uns von der vollen Kraft der Gedanken der Liebe Gottes über uns und von dem, was Christus nach diesen Gedanken für uns ist.
Was auch von Christo in bezug auf den Tag der Herrlichkeit gesagt werden mag, wir finden die Versammlung in allem mit Ihm verbunden. In Seinem Melchisedek-Charakter z. B. nimmt Er als König den höchsten Platz der Autorität und als Priester den nächsten in der Anbetung ein; so sind auch wir zu Königen und Priestern gemacht. Eva wurde dem Adam in der Herrschaft beigesellt; aber außer ihr gab es nichts in der ganzen Schöpfung, das diesen Platz hätte einnehmen können, wie geschrieben steht: „Für Adam fand er keine Hilfe seines Gleichen“. Als aber Eva zu Adam gebracht wurde, konnte er sagen: „Diese ist einmal Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleische“. Jetzt war eine Gehilfin für ihn gefunden. Ebenso ist es mit dem Herrn und der Versammlung; auch Er kann sagen:
„Diese ist einmal Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleische“, und Er kann sich erfreuen und Seine Wonne finden in dem, was Seine eigene Liebe hervorgebracht hat. Möge uns der Herr davor bewahren, daß wir eine geringere Stellung einnehmen, als diese, denn sie ist unser wahrer Platz! Möchte Er uns das tiefe und bleibende Gefühl schenken, daß wir auf diese Weise in eine völlige und gesegnete Verbindung mit Ihm gebracht sind; denn das Herz Christi könnte durch nichts anderes befriedigt sein, und unser Herz sollte es ebenso wenig sein. Es handelt sich nicht um unsere Würdigkeit, (denn in uns selbst, als im Fleische, sind wir nichts als elende Sünder) sondern es handelt sich um die Liebe Christi. Die wahre Demut besteht nicht darin, daß wir schlecht von uns denken, sondern daß wir gar nicht an uns denken; aber es ist viel schwerer, sich ganz zu vergessen, als selbst schlecht von sich zu denken. Wenn wir nicht demütig sind, so müssen wir gedemütigt werden.
„Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, so will auch ich dich bewahren“ usw. Beachten wir, daß der Herr nicht sagt: wenn du meine Anerkennung hast, daß du einige Kraft besitzest, sondern daß du „das Wort meines Ausharrens“ bewahrst; wenn ich dich kenne, als vereinigt mit mir selbst, so „werde ich dich bewahren“ usw. So verbindet Er uns mit Sich Selbst, so arm und schwach wir auch sein mögen, gleichwie die Klippendächse nur ein nicht kräftiges Volk sind und doch ihr Haus auf den Felsen setzen (Spr 30, 26). „So werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen“.
Welch ein Trost liegt in diesen Worten hinsichtlich alles dessen, was kommen wird! Es handelt sich keineswegs um Kraft, sondern darum, bewahrt zu werden vor einer schrecklichen Zeit, die kommen soll, um „die zu versuchen, die auf der Erde wohnen“. Diese letzten Worte bezeichnen den moralischen Zustand einer Klasse von Personen. Hat Gott denn Wohlgefallen daran. Sein Volk in Trübsal zu bringen? Sicherlich nicht; Er wünscht nicht, uns in Versuchung zu führen. Aber wenn wir uns in eine Stellung begeben haben, in der wir mit denen vermengt sind, die auf der Erde wohnen, so muß auf uns eingewirkt werden, um uns von dem loszumachen, was dieser schrecklichen Stunde der Versuchung entgegengeht.
In der gegenwärtigen Zeit wir das Evangelium verkündigt, und durch dieses werden Seelen aus der Welt herausgeführt, und alle Gedanken, Gefühle, Wünsche und Neigungen der Heiligen sollten auf den Tag der Herrlichkeit gerichtet sein. Wenn sie sich in der Stellung des Ausharrens Christi befinden, so haben sie nicht nötig, wie die Welt gerichtet zu werden; sind sie aber mit der Welt vermengt, so müssen sie auch die Trübsale der Stunde der Versuchung teilen, welche kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen; oder sie müssen vorher praktisch gesichtet werden, um sie von der Welt zu trennen.
Die Zeit wird kommen, wo das Tier die im Himmel Wohnenden lästern wird, aber es wird sie nicht anzutasten vermögen. Erklärung Im Botschafter 1882 Seite 94 unten und in diesem Neudruck Seite 50 unten heißt es: „Wenn sie (die Heiligen) sich in der Stellung des Ausharrens Christi befinden, so haben sie nicht nötig, wie die Welt gerichtet zu werden; sind sie aber mit der Welt vermengt, so müssen sie auch die Trübsale der Stunde der Versuchung teilen, welche kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen; oder sie müssen vorher praktisch gesichtet werden, um sie von der Welt zu trennen“. Mehrere Leser haben diese Worte im Widerspruch gefunden mit ihrer Überzeugung, daß bei der Ankunft des Herrn zur Aufnahme Seiner Versammlung keiner der Erretteten fehlen werde, mit anderen Worten, daß die Teilnahme an dieser Aufnahme von der wirklichen Errettung, nicht aber von dem Zustande der Heiligen abhange, obwohl selbstverständlich die Gleichgültigkeit gegen diesen Zustand vor Gott völlig verwerflich sei. Dieselbe Überzeugung hatte aber auch J. N. Darby, der jene Vorträge über die sieben Sendschreiben gehalten hat.
Dies beweisen alle seine übrigen Schriften und Vorträge, die diesen Gegenstand behandeln, aufs unzweideutigste. Es ist daher auch hier keinenfalls seine Absicht, zu sagen, daß wahre Gläubige ihres Zustandes wegen an der Aufnahme der Versammlung kein Teil haben werden. Vielmehr glaube ich, daß er einen Grundsatz im Blick auf unsere Verantwortlichkeit aussprechen will, wie auch das Wort Gottes oft in ähnlicher Weise es tut. Ich erinnere hier nur an eine Stelle in Röm 8, 12. 13: „So denn Brüder, sind wir Schuldner, nicht dem Fleische, um nach dem Fleische zu leben; denn wenn ihr nach dem Fleische lebet, so werdet ihr sterben usw.“ — Ich hoffe, daß diese kurze Erklärung genügen wird, um die betreffenden Leser völlig zu beruhigen. C. Br.
Wenn wir unseren himmlischen Charakter kennen, so werden wir dadurch zu Fremdlingen und Pilgrimen auf der Erde, statt hier zu wohnen und hier unser Teil zu suchen; alle aber, die hier ansässig sind, müssen durch diese Stunde der Versuchung hindurchgehen, welche die versuchen wird, die auf der Erde wohnen. Wir dürfen das hier Gesagte jedoch nicht mit der Trübsal verwechseln, von der in Mt 24 die Rede ist; denn diese Zeit der Drangsal beschränkt sich auf Jerusalem, wie wir in Jeremia lesen: „Es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob; doch wird er aus ihr gerettet werden“.
Hier aber ist es „die Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um zu versuchen, die auf der Erde wohnen“. Die, welche jetzt das Wort des Ausharrens Christi bewahren, wird Er vor jener Stunde bewahren. Wenn der Herr jetzt bei ihnen eine Frucht findet, wie sie durch diese Versuchung hervorgebracht werden soll, dann bedürfen sie der Versuchung nicht. „Ich komme bald“. Wie ermunternd sind diese Worte! Es ist, als ob der Herr sagte: Ihr müßt fortfahren, mein Los im Ausharren und unter dem Kreuz zu teilen, wenn ihr meine Herrlichkeit teilen wollt; aber: „Ich komme bald“. Seine Ankunft wird hier nicht, wie es Sardes gegenüber geschieht, wie die eines Diebes in der Nacht vorgestellt. Was der Herr jetzt der Versammlung ans Herz zu legen wünscht, ist, daß Seine Ankunft ganz nahe ist.
Er bestimmt den Augenblick nicht, aber Er weist auf Seine Ankunft hin als ihren Trost, ihre Freude und Hoffnung, und lenkt dadurch das Herz auf Seine eigene Person; denn es handelt sich nicht so sehr darum, daß Er bald kommt, als daß Er Selbst kommt: „Ich, Jesus“ usw. Wenn das Herz die Liebe Gottes genießt, welch ein Trost ist es dann, in Ihm Selbst zu ruhen, wie wir es am Ende dieses Buches sehen! Nachdem Christus die Blicke der Versammlung auf alles hingelenkt hat, was Er auf Erden zu tun beabsichtigt, führt Er ihr Herz zu Sich Selbst zurück: „Ich, Jesus“. Der besondere Charakterzug der Versammlung in Philadelphia ist ihre unmittelbare Verbindung mit Ihm: es ist Christus Selbst,
Welcher kommt. Weder die Erkenntnis noch die Prophezeiung können das Herz befriedigen; aber der Gedanke, daß Christus kommt, um die Seinigen zu Sich zu nehmen, ist die gesegnete Hoffnung aller, die durch die Gnade mit Ihm verbunden sind. Die Prophezeiung hat Bezug auf die Ankunft Christi auf der Erde; aber die eigentliche und köstliche Hoffnung dessen, der durch den Glauben mit Ihm verbunden ist, besteht darin, zu Ihm zu gehen. Sicher habe ich alle Ehrfurcht vor den Mitteilungen Gottes, die das kommende Gericht ankündigen; aber diese rufen nicht die Gefühle des Herzens für Ihn hervor.
Die Ratschlüsse Gottes über Jerusalem, Babylon und andere Gegenstände, wovon die prophetischen Schriften zeugen, sind überaus wichtig und lehrreich für unseren Geist; aber die Gefühle des Herzens werden nicht in Tätigkeit gesetzt durch die Kenntnis davon, was das Los Babylons, des Antichristen usw. sein wird. Ich liebe Christum, und deshalb sehne ich mich danach. Ihn zu sehen: die Prophezeiungen über das kommende Gericht aber verbinden das Herz und den Geist nicht mit der Person des Herrn Jesu.
Auf die Ankündigung der baldigen Ankunft des Herrn folgt dann die Ermahnung: „Halte fest, was du hast, auf daß niemand deine Krone nehme“. Oh, möchte der Herr uns geben, Sein Wort zu bewahren und Ihn jeden Augenblick zu erwarten! Wenn es dem Teufel gelänge, uns die Hoffnung Seiner Ankunft, als einer Sache, die wir jeden Augenblick erwarten dürfen, zu rauben, so würde uns dadurch unsere Krone genommen werden. Weder Mensch noch Teufel kann uns etwas nehmen, wenn nur das lebendige Bewußtsein des Glaubens in unseren Herzen ist, das uns mit der jeden Augenblick zu erwartenden Ankunft des Herrn Jesu Christi verbindet. Wenn wir dies Bewußtsein verlieren, dann verlieren wir unsere geistliche Kraft; alles aber, was uns diese Kraft in unserer Verbindung mit Christo raubt, führt uns zum Verlust unserer Krone.
Und, geliebte Brüder, unser Weg führt uns jetzt durch Dinge aller Art, die geeignet sind, uns unsere Krone zu rauben, Dinge, die den Glauben an das Kommen Jesu auf die Probe und es selbst in Frage stellen können. In dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen sehen wir, daß sie alle schläfrig wurden und einschliefen, die klugen sowohl als die törichten; und um Mitternacht, als der Ruf erscholl: „Siehe, der Bräutigam!“ da standen sie alle auf und schmückten ihre Lampen. In dieser Hinsicht war also kein Unterschied zwischen ihnen; nur daß die einen das öl des Geistes hatten, die anderen nicht. Aber zwischen dem Ertönen des Rufes und der wirklichen Ankunft des Bräutigams war Zeit genug, um die Lampen, die kein öl hatten, erlöschen zu lassen, und so bestand der wahre Unterschied zwischen den Jungfrauen in dem Vorrat des Öls, den die einen hatten, die anderen aber nicht.
Wäre der Bräutigam Selbst der erste Gedanke in den Herzen der törichten Jungfrauen gewesen, so hätten sie an das Licht gedacht, das Er bei Seiner Ankunft nötig haben würde. Aber sie dachten an etwas anderes; sie waren zufrieden damit, in der Gesellschaft der anderen Jungfrauen zu sein, und dafür genügten der Anzug und die Lampen ohne Öl. Aber ach! ohne das öl konnten sie ihre Lampen nicht für ihren Herrn brennend. erhalten, bis Er kam. Doch gab es auch solche, die bereit waren, Ihn zu empfangen. Als „der Bräutigam kam“, gingen die, welche bereit waren, mit Ihm ein zur Hochzeit, „und die Tür ward verschlossen“.
So ist es auch jetzt. Der Ruf ist erschollen, und zwischen dieser Zeit und der wirklichen Ankunft des Bräutigams prüft uns der Herr, um zu sehen, ob unsere Herzen wirklich auf Ihn gerichtet sind oder nicht. Kaum bleibt uns heute Abend noch Zeit genug, um die in Vers 12 enthaltene Verheißung zu betrachten. „Wer überwindet, den werde ich zu einer Säule machen in dem Tempel meines Gottes usw.“ Wir sehen hier, wie genau alle Verheißungen in Verbindung stehen mit der Zeit der Herrlichkeit, dem „neuen Jerusalem“; das Herz wird hier zu seinem eigentlichen Wohnplatz erhoben. Nehmen wir den Platz von Bewohnern des Himmels ein, während wir auf dieser Erde wandeln? Es ist bemerkenswert, wie ganz und gar die Heiligen mit dem himmlischen Jerusalem, ihrer ewigen Wohnung, verbunden sind.
„Wer überwindet“, der wird in dem Tempel Gottes sein — im Gegensatz zu der Synagoge Satans — im vollen Genuß der Dinge Gottes, nachdem jeder Ratschluß Seiner Liebe völlig ausgeführt worden ist. „Den werde ich zu einer Säule machen“. Er mag schwach gewesen sein auf der Erde, während die bekennende Kirche groß war, aber ihren Platz, den sie nach den Gedanken Gottes einnehmen sollte, als „Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit“, nicht einnahm; dort aber wird er sogar die Säule der Kraft sein, ja, der Kraft Gottes Selbst, weil er der Macht der Verführung gegenüber fest geblieben ist. Es ist bemerkenswert, daß sich der Ausdruck „mein Gott“ hier so oft wiederholt; wir sehen daraus, wie Christus die Seinigen stets mit Sich Selbst in Verbindung bringt.
Er war einst dem Anschein nach der Schwache auf dieser Erde, und Er sagt: „Ich bin verworfen worden, und ihr habt diesen Platz der Verwerfung mit mir geteilt; aber ich kenne die, welche mir treu gewesen sind, und ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“. Er ist der Geduldige, Der für die Ihm gebührende Herrlichkeit des Vaters Zeit abwartet, und wir nehmen teil an Seiner Geduld. „Ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes“, d. h. des Gottes, wie Christus als Mensch Ihn kennt. Dieser Name wird den Getreuen öffentlich aufgedrückt sein; denn sie haben Seinen Namen hienieden nicht verleugnet. „Und den Namen der Stadt meines Gottes“, jener Stadt, die sie im Glauben erwarteten, sie ist ihr Wohnort. Abraham erwartete die Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Sogar als das Fleisch eine irdische Stadt hier gebaut hatte, suchten jene für sich selbst eine himmlische.
Dieses himmlische Bürgerrecht in der Stadt des Gottes unseres Herrn Jesu Christi, des Fremdlings hienieden, wird dann dem Getreuen aufgeprägt sein. Der Mensch kann jetzt, wenn er danach trachtet, eine feste kirchliche Einrichtung haben; aber sie ist nicht nach Gottes Wort. Wenn es ihm aber genügt, jetzt einfach mit Christo zu wandeln, indem er wartet, bis Gott eine Stadt als die Seinige anerkennt (die Stadt meines Gottes), so wird er dann an ihr teilhaben. Sie kommt von Gott aus dem Himmel hernieder. Wenn ein Fürst aus seinem Lande vertrieben ist, fühlen sich seine Anhänger, solange er abwesend ist, als Fremdlinge im Lande. So verhält es sich jetzt mit dem Christen; er gehört Christo an und ist „ein Sohn des Tages“; er wartet auf Christum und auf den Tag Seiner Erscheinung.
„Meinen neuen Namen“, nicht Seinen alten Namen als Messias, sondern den wunderbaren, neuen Namen, den Er als Resultat einer durch Ihn vollbrachten himmlischen Erlösung angenommen hat. Wir werden dann das Feste und Beständige haben, worauf wir jetzt in gewissem Sinne verzichten müssen. Möchte der Herr uns zu verstehen geben, was es heißt, wirklich mit Ihm Selbst verbunden zu sein, und möchten wir den gesegneten Ratschluß Gottes über uns kennen, wie er in den Worten ausgedrückt ist: „auf daß er in den kommenden Zeitaltern den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade in Güte gegen uns erwiese in Christo Jesu!“
Er hat uns mit dem Gegenstand Seiner unbegrenzten und ewigen Wonne verbunden; denn wir sind Glieder Seines Leibes, von Seinem Fleisch und von Seinen Gebeinen, und deshalb haben wir das Teil und die Vorrechte Jesu Selbst. Möchte Gott unsere Herzen unbefleckt von diesem bösen, gegenwärtigen Zeitlauf und in der Frische der Liebe zu Ihm erhalten! Dies aber ist nur dann möglich, wenn wir in der Gemeinschaft mit Christo bleiben. Unser Teil in Ihm und die Kostbarkeit Seines Namens zu kennen, das gibt Mut und Kraft, um Sein Wort zu bewahren und Seinen Namen nicht zu verleugnen. Laodicäa. — Es war meine Absicht, unsere Betrachtungen über die sieben Sendschreiben am vorigen Abend zu Ende zu bringen. Doch bedaure ich nicht, daß die Zeit dazu nicht ausreichte, denn ich fühle tief die Wichtigkeit dieses letzten Sendschreibens, des an Laodicäa, das uns noch einmal Gelegenheit geben wird, einen Rückblick auf das zu werfen, was wir an der Hand des Zeugnisses des göttlichen Wortes in bezug auf die Ankunft des Herrn Jesu Christi bereits betrachtet haben.
Wir sehen in diesem Sendschreiben, daß die Versammlung in Laodicäa mit einem endgültigen und vollständigen Gericht bedroht wird, dem zu entgehen unmöglich ist. Indessen hat das Böse in ihr noch nicht seinen höchsten Gipfelpunkt erreicht; denn in diesem Fall würde es nutzlos sein, sie zu warnen. Wie an die sechs vorhergehenden Versammlungen, so wird auch an Laodicäa das Wort gerichtet als an eine Versammlung Gottes, d. h. sie befindet sich vor Gott in der Stellung eines von Ihm anerkannten Zeugnisses gegenüber der Welt; und als solche wird sie mit der Verwerfung bedroht. Dies ist im Blick auf andere Teile der Heiligen Schrift von Bedeutung.
Wir finden hier nicht die Geschichte bereits erfüllter Tatsachen, sondern es wird in warnender und drohender Weise etwas angekündigt, was sich noch vollziehen soll; das Sendschreiben trägt mithin einen prophetischen Charakter. Und in Übereinstimmung mit dem richterlichen Gepräge des ganzen Buches der Offenbarung finden wir auch in den Sendschreiben an die Versammlungen das Gericht über die bekennende Kirche, entsprechend der Stellung, die sie vor dem Auge Gottes einnimmt. Hier möchte ich noch einmal daran erinnern, daß es sich hier nicht um das Werk der Gnade Gottes, als solches, handelt; auch ist nicht von Christo, dem Haupte des Leibes, als der Quelle der Gnade für Seine Glieder, die Rede, noch von dem Werke des Geistes Gottes; denn dieses kann nie ein Gegenstand des Gerichts sein. Was hier vorgestellt wird, ist der Zustand der Kirche, die auf dem Boden der Verantwortlichkeit vor Gott steht, sowie die daraus hervorgehenden Wege, die Er sie in der Hoffnung auf Frucht führt. Ferner sind diese Sendschreiben nicht an einzelne, sondern an Versammlungen gerichtet; dennoch enthalten sie vieles höchst Wichtige für jene einzelnen Personen, deren Ohr durch die Belehrung des Heiligen Geistes geöffnet ist.
So sind die Verheißungen an die einzelnen gerichtet, „an den, der überwindet“ inmitten schwieriger Umstände; im ganzen aber hat der Herr es mit der Gesamtheit zu tun. Es handelt sich daher nicht um die Darreichung des Geistes der Gnade von seiten des Hauptes, noch um die Unterweisung des Geistes der Liebe von seiten des Vaters, Der sich an die Kinder im Hause wendet; denn dies würde voraussetzen, daß sich die Kirche in einem gesunden und Gott wohlgefälligen Zustande befände, so daß sie Anweisungen empfangen könnte, die diesem Zustande, sowie dem Zwecke, zu dem sie in die Stellung der Kirche berufen ist, entsprächen. Das was wir in dem Sendschreiben an Laodicäa finden, läßt sich nicht auf einzelne anwenden. Wohl können Warnungen an einzelne in der Versammlung Gottes gerichtet werden, während „der Törichte hindurch geht und Strafe leiden wird“; aber hier finden wir nicht einfache Warnungen, sondern es wird ein völliges Hinwegtun angekündigt, und dies kann sich nie auf die Heiligen Gottes beziehen.
„Weil du lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde“. Es ist das Hinwegtun des äußeren, bekennenden Körpers, der als solcher den Namen „Kirche“ trägt. „Und dem Engel der Versammlung in Laodicäa schreibe: Dieses sagt der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes“. Der Charakter, der hier Christo beigelegt wird, ist bemerkenswert. In den letzten drei Sendschreiben sahen wir, daß Christus, wenn man so sagen darf, jene Charakterzüge beiseite ließ, unter welchen Er im ersten Kapitel vor unsere Augen trat, und wir fanden, daß stets eine neue und besondere Offenbarung von Ihm gegeben wurde, je nach den Umständen der Versammlung, an die sich das Sendschreiben richtete.
Es sind nicht dieselben Charakterzüge, die Johannes im Gesicht erblickt hatte und die mit den Dingen, die er „gesehen“, in Verbindung standen, sondern es handelt sich um „das, was ist“; und dies befindet sich in einem neuen Zustand, verschieden von dem, in dem es einst, in seinem ursprünglichen Verhältnis mit Christo, war. Demzufolge wird auch Christus in einer neuen, den Bedürfnissen der Versammlung angepaßten Weise geoffenbart. In Philadelphia wurde Christus nicht unter demselben Charakter gekannt, wie in Thyatira — als „Sohn über sein Haus“; es mußten jener Versammlung für ihre besonderen Bedürfnisse neue Charakterzüge des Herrn geoffenbart werden. Von dieser Zeit an, ja schon seit der Zeit des völligen Abweichens der Kirche von ihrer ursprünglichen Stellung wird ihr das Kommen des Herrn vor Augen gestellt. Die Heiligen konnten hinfort nicht mehr auf die Wiederherstellung der Kirche, als eines bekennenden Ganzen, hoffen, und deshalb wird ihnen das Kommen des Herrn als ihre einzige Zuflucht vorgestellt, damit der treue Überrest Ihn erwarten und in Christo, wenn auch alles wich, das finden möchte, was er nötig hatte als Stützpunkt und als Gegenstand seines Vertrauens.
Die, welche persönlichen Glauben an Jesum hatten, konnten dem allgemeinen Strom der Gedanken der Kirche nicht folgen; würden sie es getan haben, dann hätten sie sich mit Jesabel oder mit Sardes auf eine Linie gestellt, wobei Sardes den Namen hatte, daß es lebe, in Wirklichkeit aber tot war. Der Glaube bedarf einer besonderen Stütze, wenn der Gläubige vor den Versuchungen der „Synagoge Satans“ bewahrt bleiben soll. Die gewöhnliche Gnade genügt, so lange sich die Kirche an ihrem richtigen Platz befindet; sobald sie den aber verläßt, wird eine außergewöhnliche Gnade nötig, um die Gläubigen aufrechtzuerhalten.
Wo ein Jesabel-Zustand vorhanden ist, da reicht der gewöhnliche Glaube nicht aus; Christus und die Lüge können nicht zusammengehen. Auch wenn die Kirche den Namen hat, daß sie lebe, während sie tot ist, muß ich etwas Besonderes haben, um das Leben in mir zu erhalten. Mag es sich deshalb handeln um die verführerische Jesabel1, um das verderbliche Babylon, oder um Laodicäa, das nahe daran ist, aus dem Munde des Herrn ausgespien zu werden, so kann ich mich mit dem moralischen Zustand der Dinge nicht zufriedengeben, und ich werde einer besondern Gnade bedürfen, die diesem Zustande entspricht (der übrigens nur durch ein geistliches Herz richtig beurteilt wird) weil er nicht das naturgemäße Verhältnis zwischen Christus und der Versammlung als solcher ist. Selbstverständlich haben wir zu allen Zeiten die erhaltende und stützende Gnade Gottes nötig, wir wissen alle, daß wir ohne sie nicht einen Schritt tun können.
Wir alle haben diese Gnade nötig. Wenn aber das, was den Namen der Kirche Gottes trägt, dem Fluch nahe ist und im Begriff steht, ausgespien zu werden, dann ist ein doppeltes Maß und ein besonderer Charakter der Gnade notwendig, um die Getreuen auf dem schmalen und oft einsamen Pfad aufrechtzuerhalten, auf dem zu wandeln sie berufen sind. Und bemerken wir hier, daß, wenn die Dinge bis zu dem philadelphischen Zustand gediehen sind, wo wenig Kraft vorhanden ist, aber das Wort Christi bewahrt und Sein Name nicht verleugnet wird, daß dann die Ankunft des Herrn zum Trost der Getreuen eingeführt und mit dem bisherigen Gegenstand, der Kirche, abgebrochen wird. Denn obwohl in Laodicäa die bekennende Kirche der Form nach noch besteht, so ist sie doch endgültig verworfen, und es wird bedingungslos erklärt, daß Christus sie aus Seinem Munde ausspeien werde.
Das Gericht ist noch nicht vollzogen, aber es ist gewiß und wird auch als gewiß betrachtet. Der Grund, weshalb nach Philadelphia das Kommen des Herrn nicht mehr erwähnt wird, ist, daß jede Hoffnung für das Ganze moralisch verschwunden und alles ein Gegenstand des Gerichts geworden ist, so daß der Herr Sich in Laodicäa als draußen stehend darstellt: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an“. Wenn es noch Heilige innerhalb gibt, so kommt für sie doch das Zeugnis von außen, d. h. von außerhalb des Schauplatzes, zu dem sie gehören. In Philadelphia beschäftigt Sich der Herr nicht mehr mit den Heiligen in der Absicht, sie in einem Platz des Zeugnisses zu erhalten; denn die bekennende Kirche befand sich entweder in dem Zustande des Verderbens (Jesabel) oder in dem des Todes (Sardes), so daß sie gleich der Welt gerichtet werden muß.
Nur der Überrest besaß das Zeugnis, indem er das Wort des Ausharrens Christi bewahrte, und er wird getröstet durch die Zusicherung, daß Christus bald kommen werde. Bis dahin sollten die Getreuen zufrieden sein mit dem Bewußtsein, daß die Synagoge Satans alsdann erkennen würde, daß Christus sie geliebt habe. In der Versammlung zu Philadelphia wurde der Ankunft Christi der ihr gebührende Platz gegeben. Vom Gesichtspunkt der Kirche aus kommt Christus für sie. Er sagt: „Ich komme für euch“, und es ist die Hoffnung der Versammlung, Ihn selbst zu sehen. „Ihr“ und „ich“, so sagt Er gleichsam, „wir müssen zusammen sein“.
Dies bildet den besonderen Charakter der Hoffnung der Kirche und ihrer vollendeten Freude. Deshalb sagt der Herr in Offb 22, nachdem die ganze Prophezeiung vollendet ist: „Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch diese Dinge zu bezeugen in den Versammlungen. Ich bin . . . der glänzende Morgenstern“; und sobald Er Selbst Sich so vorstellt, wird der Ruf wach: „Komm!“2 „Der Geist und die Brauf sagen: Komm!“ und dann antwortet Er mit der tröstlichen Versicherung: „Ja, ich komme bald!“ worauf die Versammlung wieder Ihm entgegenruft: „Amen; komm, Herr Jesus!“ Hieraus geht deutlich hervor, daß die Ankunft des Herrn zur Aufnahme der Versammlung eine Begebenheit zwischen Ihm und ihr allein ist. Nicht so wird es mit dem Oberrest Israels sein; denn um diesen in seinen Platz auf der Erde einführen zu können, ist die Ausübung des Gerichts notwendig. Und wirklich wird das Kommen des Herrn auf die Erde von der Ausübung des Gerichts begleitet sein, indem „alle Ärgernisse und die das Gesetzlose tun, aus seinem Reiche zusammengelesen werden“ (Mt 13, 43).
Die Befreiung des Überrests Israels erfordert es, daß die Ankunft des Herrn mit der Vollziehung dieses Gerichts verbunden ist, denn es ist unmöglich, daß Israel seiner Segnungen teilhaftig werde, bevor dieses Gericht stattgefunden hat. Dies erklärt uns das Schreien nach Rache, das wir durchgehend in den Psalmen finden, wie z. B. in Psalm 94: „Gott der Rache, Jehova, Gott der Rache, strahle hervor!“ Für uns braucht keine Rache geübt zu werden, um uns in den Genuß der Segnungen mit Christo einzuführen; Gott hat uns in jeder Hinsicht Gnade zuteil werden lassen, und wir haben es nur mit der Gnade zu tun. Ich harre nicht auf den Herrn, damit Er komme und mich an meinen Feinden räche, sondern ich erwarte Ihn, um Ihm in der Luft entgegengerückt zu werden. Wo sich in der Schrift der Ruf nach Rache in Verbindung mit der Ankunft des Herrn auf der Erde findet, da ist es nicht die Sprache der Versammlung Gottes, sondern die Sprache des Oberrestes Israels.
So lesen wir auch in ps 68, 23: „Auf daß du deinen Fuß in Blut badest, die Zunge deiner Hunde von den Feinden ihr Teil habe“. Solche Gedanken beschäftigen meine Seele nicht, wenn ich an die Begegnung mit Jesu in der Luft denke. Hat mein Herz sich, durch die Gnade, der Gnade des Lammes übergeben, so stehe ich in keinerlei Verbindung mit dem, was dem Zorn des Lammes ausgesetzt sein wird. Er ist es. Den ich erwarte, und zwar einzig und allein um Seiner Selbst willen. Ferner lesen wir in Jes 60, 12, wo die Zeit der kommenden Segnungen Israels beschrieben wird: „Die Nation und das Königreich, welche dir nicht dienen wollen, werden untergehen“, während von dem neuen Jerusalem gesagt wird: „Die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen“ (Offb 22). Israel ist der Schauplatz der gerechten Gerichte Gottes, die Versammlung dagegen der Schauplatz Seiner unumschränkten Gnade; und diesen Platz verläßt sie nie, denn niemals schreit sie, als Versammlung, nach Rache.
Wohl wird sie die Gerechtigkeit der Rache sehen, wenn Gott das Blut derer, die gelitten haben, rächen wird, und sie wird sich freuen, daß das Verderben weggetan ist; aber ihr wahres Teil besteht darin, bei Christo zu sein. Die Erde wird durch das Gericht befreit werden; unser Teil aber ist es, dem Herrn in der Luft zu begegnen und allezeit bei Ihm zu sein. Nachdem der Versammlung von Philadelphia das Kommen des Herrn, als das ihr zugehörige Teil, angekündigt worden ist, wird diese gesegnete Hoffnung nicht mehr erwähnt.
Wir finden deshalb in dem Sendschreiben an die Versammlung zu Laodicäa nichts, was sich auf die Ankunft des Herrn bezöge, obwohl diese immer wahr bleibt; aber sie wird dieser Versammlung nicht vor Augen gestellt. Hier handelt es sich um etwas anderes; es tritt der prophetische Charakter mehr hervor, indem der Herr von dem redet, was als Gericht über Laodicäa kommen wird. Er steht im Begriff, die Kirche selbst zu richten. Indessen dürfen wir nicht vergessen, daß es stets die bekennende Kirche ist, von der Er redet, das, was den Platz der Kirche Gottes, als das Zeugnis für Gott in dieser Welt, einnimmt.
Beachten wir auch den besonderen Charakter, mit dem Sich Christus hier bekleidet. Wenn die Kirche, dieses Gefäß des Zeugnisses für Gott, dem Herrn zum Ekel geworden und von Ihm beiseitegesetzt ist, dann erscheint der Herr Selbst als „der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge“, und zwar nicht so sehr in der Würde Seiner Person, wie sie uns im ersten Kapitel beschrieben wird, sondern als der „treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes“;
Er erscheint, um den Platz dessen einzunehmen, was als Gottes Zeuge auf der Erde so ganz und gar seinen Zweck verfehlt hat. Im Brief des Jakobus sehen wir, daß wir (die Versammlung) nach dem Willen Gottes „eine gewisse Erstlingsfrucht Seiner Geschöpfe“ sein sollen. Diesen Platz wird die Versammlung in der wiederhergestellten Schöpfung einnehmen; doch schon jetzt ist sie berufen, ihren besonderen Platz zu haben, indem sie die Erstlinge des Geistes besitzt. Aber in ihrer Stellung des Zeugnisses betrachtet, hat sie ganz und gar gefehlt; sie hat diesen Platz der Erstlingsfrüchte Seiner Geschöpfe nicht in der Kraft des Heiligen Geistes festgehalten. Denn worin bestehen die Früchte des Geistes? „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit“ (Gal 5, 22).
Entdeckt man diese Früchte in der bekennenden Kirche? Nein; und dies ist der Beweis, daß sie nicht diese „gewisse Erstlingsfrucht“ von Gottes Geschöpfen ist; sie nimmt den Platz über dem gegenwärtigen Zustand der Schöpfung oder der sie umgebenden Welt durchaus nicht ein. Nehmen wir an, es käme jemand von China nach London. Würde er wohl jene Früchte des Geistes in der bekennenden Kirche sehen?
Würde er nicht im Gegenteil überall die gleiche Habsucht, die gleiche Liebe zur Welt finden wie in seinem Vaterlande? Er könnte mit allem Recht ausrufen: „Ich kann in ganz China alles tun, was auch die Christen in London (sogar wahre Christen) tun, obwohl es in London auf eine bessere und feinere Weise geschehen mag, als in meiner Heimat“. Tatsächlich geschieht das, was die Namenchristen in London tun, auch in China, vielleicht mit etwas weniger Bequemlichkeit für das fleisch, aber dem Herzen nach eben so vollständig. Ich glaube nicht, daß die bekennende Kirche schon zu der vollen Reife des schließlichen Zustandes von Laodicäa gelangt ist; sonst würde es nutzlos sein, sie zu warnen.
Gott hält noch die Zügel in Seiner Hand und gestattet nicht, daß das Böse sich in seiner vollendeten Gestalt entfalte. Dem Grundsatz nach war das Böse ebensogut in Ephesus vorhanden, sobald die Versammlung ihre erste Liebe verlassen hatte; aber wir sehen es erst in seiner völligen Entfaltung in dem Zustand von Laodicäa, wenn Christus das Ganze aus Seinem Munde ausspeit. Doch ich erinnere noch einmal daran, daß es die bekennende Kirche ist, die so ausgespien wird, nicht aber die Versammlung des lebendigen Gottes, der Leib und die Braut Christi.
Auch besteht dieses Gericht nicht in dem bloßen Wegtun des Leuchters; ein weit schrecklicheres Gericht steht der bekennenden Kirche bevor. Wenn von ihr nicht mehr gesagt werden kann: „Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich nicht von der Welt bin“, so wird sie, anstatt der Gegenstand der Wonne Christi zu sein, zu einem Gegenstande des Abscheus für Ihn: „Ich werde dich ausspeien aus meinem Munde“. Nichts kann ernster sein, als die Stellung, die ein solches Urteil von seiten des Herrn über die bekennende Kirche wachrufen wird. Wir finden hierin zugleich einen neuen, beachtenswerten Beweis von der Aufeinanderfolge und dem im Bösen fortschreitenden Charakter dieser Versammlungen.
Abgesehen von den besonderen Wirkungen der Gnade im einzelnen, geht es mit der bekennenden Kirche immer tiefer abwärts, bis sie endlich in einen Zustand gelangt, der den Herrn zwingt, sie aus Seinem Munde auszuspeien, und dann wird eine Tür im Himmel aufgetan, und Johannes wird im Geiste dahin entrückt (Offb 4). Hierauf beginnt das Gericht der Welt und die Einführung des Eingeborenen in Sein irdisches Erbteil. Sobald Laodicäa ausgespien ist, ist Gott mit der Kirche als einem Zeugnis zu Ende, und Christus tritt als der „treue und wahrhaftige Zeuge“ Gottes an ihre Stelle. Er stellt Sich als derjenige dar. Der das tut, was die Kirche hätte tun sollen. Christus ist das große Amen auf alle Verheißungen Gottes; die Kirche hätte zeigen sollen, daß diese Verheißungen Ja und Amen sind in Christo Jesu; aber sie ist nicht fähig dazu gewesen; sie hat es unterlassen, ihr Amen auf Gottes Verheißungen zu setzen. „Amen“ bedeutet: Es geschehe! oder: es werde befestigt!
So lesen wir in Jes 7, 9: „Wenn ihr nicht glaubet, werdet ihr, fürwahr, keinen Bestand haben“. Für die Wörter „glauben“ und „Bestand haben“ ist im Hebräischen beide Male das Zeitwort „amen“ gebraucht. Somit bedeutet jene Stelle: Wenn ihr meine Verheißungen nicht bestätigt (d. i. nicht glaubt), werdet ihr nicht bestätigt werden. Selbstverständlich ist es unmöglich, daß Gott Seinen Ratschlüssen in Christo untreu werden könnte; deshalb wird die Versammlung, der Leib Christi, mit ihrem Haupte in der Herrlichkeit sein. Handelt es sich aber um das Zeugnis auf der Erde, so hat sicherlich die Kirche nicht durch ihr Verhalten ihr Amen zu den Verheißungen Gottes in Christo gesagt.
Sie war bestimmt, die Kraft ihrer himmlischen Berufung zu offenbaren; aber sie hat in ihrem Wandel dem, was Gott bestimmt hat, nicht entsprochen. Wir sehen sie nicht dieses himmlische Zeugnis durch den Heiligen Geist ablegen, und da Gott nicht ohne Zeugnis sein kann, so stellt Sich Christus alsbald Selbst als „der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge“, dar — als der, welcher alle Verheißungen und Weissagungen besiegeln wird, und der als „der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes“, das große Amen auf alles setzt. Die bekennende Kirche ist völlig in Verfall geraten; sie umschließt in ihren weiten Grenzen eine große Menge von Personen, die nie bekehrt waren, die wohl den Namen Christi tragen, ohne jedoch das Leben Christi zu besitzen. Indessen nahm der Abfall seinen Anfang in der wahren Kirche; durch sie wurde das Verderben eingeführt, als sie ihre „erste Liebe“ verließ. Die weitere Folge war, daß die Welt hineinkam, wie Gott sagt: „Ferner habe ich gesehen… an der Stätte des Rechts, da war die Gesetzlosigkeit“.
Man hat oft gesagt: „Je schöner und besser die Dinge sind, die dem Verderben anheimfallen, um so schlimmer zeigt sich das Verderben“. So gibt es auch auf der ganzen Erde wahrlich nichts, was Gott so schnurstracks entgegengesetzt wäre, wie die bekennende Christenheit. „Der Anfang der Schöpfung Gottes“. Christus erscheint hier als der gesegnete Zeuge der Tatsache, daß Gott die Schöpfung Seinem eigenen Willen gemäß wiederherstellen wird, und zwar wird Christus Selbst das Haupt und der Mittelpunkt der Schöpfung sein (vergl. Spr 8).
Es handelt sich hier nicht, wie bei Philadelphia, um die Verheißung, daß Christus kommen wird, um die Versammlung zu Sich zu nehmen; sondern Christus Selbst nimmt den Platz eines vollkommenen Zeugnisses für Gott ein und erscheint als der Erfüller aller jener Verheißungen Gottes, von welchen die Kirche hätte die Offenbarung sein sollen. Unter diesem Charakter tritt Christus gleichsam an die Stelle der Kirche in der Offenbarung der unfehlbaren Ratschlüsse und Verheißungen Gottes. Wenn die Kirche unwiderruflich beiseitegesetzt ist, so bleibt der wahrhaftige und treue Zeuge, und das wird die Stütze der Getreuen bilden; ihr Glaube wird dadurch aufrechterhalten, selbst wenn sich das Böse wie eine Flut erhebt. Dies ist der sichere Boden, den nichts erschüttern kann, die Kraft, auf die sich die Seele zu stützen vermag, selbst wenn die Kraft nicht mehr bestehen sollte; denn das Vertrauen auf Ihn kann allein der Seele Kraft verleihen.
Wir kommen jetzt zu dem allgemeinen Zeugnis des Wortes Gottes hinsichtlich des gänzlichen Verfalls und der darauf folgenden Beseitigung dessen, was für Ihn ein Zeugnis hätte sein sollen, so daß die Ehre, die Macht und die Herrlichkeit Christo allein zufallen. Der Mensch als solcher ist in dem, was ihm anvertraut worden ist, nicht treu gewesen; aber dann sehen wir Christum, den wahren Menschen, in den Ratschlüssen Gottes hervortreten (siehe ps 8). Alles, was den Namen, den Titel und die Autorität Gottes auf der Erde getragen hat, wird nach dem göttlichen Ausspruch völlig hinweggetan werden.
So wurde z. B. die Macht von seiten Gottes in die Hände des Menschen gelegt, und dieser wurde dadurch in gewissem Sinn zum Stellvertreter Gottes auf der Erde gemacht, so daß wir, als Christen, die Gewalten, welche sind, anzuerkennen und uns ihnen zu unterwerfen haben, weil sie „von Gott verordnet“ sind. „Er hat jene Götter genannt, zu welchen das Wort Gottes geschah“ (Joh 10, 35). „Doch wie ein Mensch werdet ihr sterben, und wie einer der Fürsten werdet ihr fallen“ (ps 82, 7), Was ist nun das Resultat, wenn Gott „in der Mitte dieser Götter richtet?“
Es zeigt sich, daß sie ganz und gar gefehlt haben, und das unmittelbare Gericht Gottes wird vollzogen. Handelt es sich um die äußere Gewalt in den Händen des Menschen, so sehen wir/ daß der kleine Stein, der ohne Hände losgerissen wird, das große Bild der Gewalt der Nationen schlägt, und es wird wie Spreu der Sommertennen, der Wind führt sie hinweg, und keine Stätte wird für sie gefunden“ (Dan 2). Christus nimmt dann, dem Ratschluß Gottes gemäß, die ganze Macht des Reiches in Seine Hände. Bewunderungswürdig ist die Geduld, die Gott den Fortschritten des Bösen gegenüber an den Tag legt, wie diese in dem großen Bilde Daniels angedeutet werden.
Der Mißbrauch der Macht in Babylon offenbarte sich auf dreierlei Weise, und zwar in Form der drei aufeinanderfolgenden Stufen des Bösen: Götzendienst, Gottlosigkeit und Abfall, verbunden mit Selbsterhöhung. Zunächst sehen wir den Götzendienst in Nebukadnezar, der in den Ebenen von Dura ein goldenes Bild aufrichten ließ und seinen Untertanen befahl, es anzubeten. Sein Zweck war, durch einen, allen seinen Völkern gemeinsamen religiösen Einfluß Einigkeit herzustellen. Der Gottlosigkeit begegnen wir in Belsazar, der die heiligen Gefäße des Tempels Gottes auf schreckliche Weise entweihte.
Der völlige Abfall endlich zeigt sich in Darius, der sich selbst an die Stelle Gottes setzte. Dies alles trägt Gott in großer Langmut, bis sich schließlich die Macht zu entschiedener und offener Empörung wider Christum erhebt. Dann aber ist die Langmut Gottes zu Ende. In der Macht des Steines, der ohne Hände losgerissen wird, zermalmt Er alles, wie man Töpfergefäße zerschmeißt. Hierauf wächst der Stein zu einem gewaltigen Berge an, der die ganze Erde ausfüllt. So sehen wir, wie die Macht, die dem Menschen gegeben war, damit er sie zur Ehre Gottes gebrauche, in seiner Hand sich verderbt und endlich gegen Gott angewendet wird.
Aber dann endet die Macht der Nationen, um Christo, dem großen Gefäß der Macht und Ehre Gottes, Platz zu machen. Werfen wir jetzt einen Blick auf die Kinder Israel unter dem Gesetz. Sie haben nicht nur gefehlt, und sind auf den Stein gefallen und zerschmettert worden, sondern es wird auch der unreine Geist des Götzendienstes, der von ihnen ausgefahren war, sieben andere Geister, böser als er selbst, mit sich bringen und wieder in sie fahren, um sie dann dieser Vollendung der Bosheit zu unterwerfen, so daß ihr letzter Zustand ärger sein wird als der erste.
Das Böse wird immer mehr in ihnen reifen, bis sie sich schließlich dem Götzendienst, und der Gottlosigkeit dem Abfall öffentlich anschließen werden; dann aber wird Gott sie als Nation aufgeben, und nur ein Überrest wird erhalten bleiben. Demselben Abfall begegnen wir im Hause Davids. Was nun die Kirche Gottes betrifft, so ist es viel schwerer/ zu denken, daß sie völlig und endgültig verworfen werden wird; selbstverständlich rede ich nur von der bekennenden Kirche. Es ist eine ernste Wahrheit, daß das Böse, wenn es einmal eingedrungen ist, stets zunimmt und wächst, bis das Gericht hereinbricht; und es ist beachtenswert, daß dieses Gericht nicht eher vollzogen wird, als bis das Böse zu seiner vollen Reife gediehen ist. — „Die Ungerechtigkeit der Amoriter ist bis hierher noch nicht voll“. — Dieser Grundsatz wird in dem Gleichnis vom Unkraut klar und deutlich dargestellt. Das Unkraut wurde im Anfang ausgestreut, aber es sollte nicht sogleich ausgerottet werden: Unkraut und Weizen sollten zusammen wachsen bis zur Ernte.
Der Herr erklärt auf diese Weise ausdrücklich, daß das Böse im Anfang eingedrungen ist und bis zur Ausübung des Gerichts immer mehr heranreifen wird. Es handelt sich hier nicht um einzelne, noch darum, ob aller Weizen auf den Speicher gesammelt wird (was selbstverständlich der Fall sein wird), sondern um die Tatsache, daß das öffentliche Zeugnis verdorben worden ist. Die Saat im Felde wurde verdorben, und dieses Übel kann der Mensch nicht entfernen, weil er nicht befugt ist, zu richten und deshalb auch nicht befugt ist, diesem Zustand abzuhelfen. Überdies sind wir berufen, in Gnade zu handeln und nicht das Unkraut auszureißen.
Aus dem zweiten Brief an die Thessalonicher ersehen wir, daß schon in den Tagen der Apostel das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam war, aber ihrer vollen Entfaltung stand noch etwas im Wege. Dieselbe Gesetzlosigkeit wirkt immer noch, selbst in unseren Tagen — „nur ist jetzt der, welcher zurückhält, bis er aus dem Wege ist“; und das Böse wird fortwirken, bis der offenbare Abfall und Aufruhr die Vollziehung des Gerichts herbeiführen wird. Nehmen wir jetzt das Buch der Offenbarung zur Hand, so finden wir in ihm in großen Zügen ein einfaches und klares Zeugnis darüber, was das Ende der ganzen gegenwärtigen Verwaltung sein wird:
„Und ich sah aus dem Munde des Drachen und aus dem Munde des Tieres und aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, wie Frösche“ (Offb 16, 13). Man mag über die Bedeutung dieser Frösche streiten; das eine aber ist klar, daß sie eine Macht des Bösen vorstellen, welche zu den Königen des ganzen Erdkreises ausgeht, sie zu versammeln zu dem Kriege jenes großen Tages Gottes, des Allmächtigen, um wider Gott zu streiten.
So reift alles bis zur völligen Entfaltung des Bösen heran, und wenn die Gesetzlosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hat, „geht eine starke Stimme aus von dem Thron, welche spricht: Es ist geschehen“ (Offb 16,17), worauf unmittelbar das Gericht folgt. Obwohl dies seine direkte Anwendung findet auf die bekennende Kirche, so liegt doch auch etwas darin, das sich unmittelbar an unsere Gewissen wendet. Bevor jener mit der Macht und Regierung Christi in Verbindung stehende Zustand der vollkommenen Segnung eingeführt wird, sehen wir alle die verschiedenen Formen des Bösen dem einen gemeinsamen Gericht entgegenreifen. Der Mensch zunächst muß in seinem Charakter offener Widersetzlichkeit, indem er sich selbst zu Gott macht, gerichtet werden. Israel sodann verbindet sich mit der Macht des Abfalls, kehrt zum Götzendienst zurück, aus dem Abraham, sein Vater, herausgenommen worden war, und macht sich eins mit den aufrührerischen Nationen, indem es sagt:
„Wir haben keinen König, als nur den Kaiser“. Deshalb muß es, da es sich selbst durch seine Sünden dem Kaiser verkauft hat, zu diesem zurückkehren, sich mit den Nationen im Bösen verbinden und endlich mit ihnen gerichtet werden, während nur ein auserwählter Überrest die Segnung ererbt. Den völligen Abfall und das Gericht Israels, als Nation, beschreibt Jesaja mit den Worten: „Die Schweinefleisch essen und Greuel und Mäuse: allzumal werden sie ein Ende nehmen, spricht Jehova“ (Jes 66, 17). Dann sehen wir die babylonische Verderbnis des Christentums; der Charakter Babylons ist götzendienerisches Verderben.
Es wird ebenfalls zerstört werden. Alles Böse wird zu jener Zeit seinen Gipfelpunkt erreicht haben: das Weib, das auf dem scharlachroten Tier sitzt, die Mutter der Huren, das Endresultat der Verführung Jesabels; das Tier, die Darstellung der Macht; der falsche Prophet; der Mensch in Aufruhr und Widersetzlichkeit; das Christentum im Zustande des völligen Abfalls; das Wort Gottes verworfen, das Gesetz verlassen, die Gnade verachtet — alle diese verschiedenen Formen des Bösen werden sich zusammenfinden und zur Zeit des Endes gemeinschaftlich demselben Gericht anheimfallen. Das Böse wird auf diese Weise vollständig aus dem Wege geschafft werden und nur das Gute wird übrigbleiben. Ist nun die bekennende Kirche von diesem Gericht ausgeschlossen?
Sicherlich nicht. Wenn auch der Weizen auf dem Speicher in Sicherheit gebracht werden wird, so können wir doch, wenn wir anders das Wort Gottes zu unserem Führer nehmen, keinen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß die bekennende Kirche von diesem allgemeinen Gericht ausgenommen sein wird. Judas z. B. schreibt an die Heiligen: „Ich war genötigt, euch zu schreiben und zu ermahnen, für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen“. Und warum dies?
Weil „gewisse Menschen sich nebeneingeschlichen haben . . . Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen … Es hat aber auch Henoch, der siebente von Adam, von diesen geweissagt, und gesagt: „Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, Gericht auszuführen wider alle und völlig zu überführen alle ihre Gottlosen von all ihren Werken der Gottlosigkeit“ (V. 3. 4. 14. 15). Wo aber befanden sich diese falschen Brüder?
In der Versammlung Gottes; denn Judas sagt von ihnen: „Diese sind Flecken bei euren Liebesmahlen, indem sie ohne Furcht Festessen mit euch halten“. Sie befanden sich nicht unter den Juden, noch unter den Nationen, sondern inmitten der Versammlung Gottes Selbst; und sie verdarben sie, indem sie mit den Gläubigen Festessen hielten ohne Furcht, und sich selbst weideten. Gott hat in Seiner großen Gnade erlaubt, daß jede mögliche Quelle und Form des Bösen klar zutage trat, bevor der Kanon der Heiligen Schrift geschlossen wurde, damit wir hinsichtlich alles Bösen, sobald es hervortritt, das Urteil des geschriebenen Wortes hätten. Ohne dieses wären wir nicht fähig, die äußerst feinen Fäden des Geheimnisses der Gesetzlosigkeit, das jetzt wirksam ist, zu entdecken; aber im Besitz des geschriebenen Wortes sind wir berufen, als Gottes Kinder alles nach dem Wort zu beurteilen, und zwar nach dem Worte allein.
Weiter lesen wir in 2. Tim 3: „Dies aber wisse, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten sein werden, denn die Menschen werden eigenliebig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer“ usw.; ihre falsche Frömmigkeit gibt sich darin kund, daß sie „das Vergnügen mehr lieben als Gott“, sowie darin, daß sie „eine Form der Gottseligkeit haben, ihre Kraft aber verleugnen“. Und es ist zu beachten, daß hier nicht nur von dem Judaismus die Rede ist, obwohl dessen Geist wirksam sein mag.
Auch wird noch hinzugefügt: „Böse Menschen aber und Gaukler werden im Bösen fortschreiten, indem sie verführen und verführt werden“. Nachdem dann der Apostel die verschiedenen Charakterzüge der falschen Brüder, „die sich in die Häuser schleichen“, hervorgehoben hat — Charakterzüge, die auch dazu dienen, uns in unserer Beurteilung zu leiten — schließt er mit den Worten an Timotheus: „Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christo Jesu ist“. Denn „alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, auf daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt“.
Aus diesen Unterweisungen, die Paulus an sein geliebtes Kind im Glauben richtet, lernen wir also, daß in diesen Tagen der wachsenden Gesetzlosigkeit die heiligen Schriften für den Menschen Gottes den einzigen, vollkommen sicheren Schutz bilden, und zwar indem sie gebraucht werden in der einfachen und gottseligen Weise, wie Timotheus und seine fromme Mutter und Großmutter sie erforscht hatten. Es waren dieselben heiligen Schriften, die er von Jugend auf gelesen hatte. Keiner Autorität noch Macht, wenn sie nicht in Verbindung steht mit dem einfachen, geschriebenen Worte Gottes, kann sich der Gläubige als seinem Führer anvertrauen. Aus den angeführten Stellen sehen wir, daß die unmittelbare Veranlassung, der Gegenstand und die innere Quelle der kommenden schrecklichen Gerichte die bekennende Kirche selbst ist.
Sie hätte das Zeugnis Gottes auf der Erde sein sollen, der Brief Christi, gekannt und gelesen von allen Menschen; da sie sich aber völlig verderbt hat, ist sie es gerade, die in erster Linie und endgültig den Zorn Gottes herbeiführt. Geliebte Freunde! es ist von außergewöhnlichem Ernst, sich sagen zu müssen, daß nicht nur Israel und Babylon dem Gericht anheimfallen werden, sondern daß auch, nach dem Worte Gottes, die bekennende Kirche dies Los treffen wird. Ich verstehe hier unter dem Wort „Kirche“ die ganze Christenheit, alles, was bekennt, den Namen Christi zu tragen. Wir finden dasselbe Zeugnis im ersten Brief des Johannes: „Jetzt sind auch viele Antichristen geworden“.
Ich zweifle nicht daran, daß der Antichrist aus den Juden hervorkommen und eine völlige Offenbarung jenes antichristlichen Geistes sein wird, der jetzt schon den Vater und Sohn leugnet, und leugnet, daß Jesus der Christus ist. Es ist ein schrecklicher Gedanke, daß dieser Abfall einen religiösen Charakter trägt. Das Kennzeichen der „vielen Antichristen“ besteht in der Verleugnung der christlichen Wahrheit; und obwohl ein völliger Abfall sich offenbaren wird, so wird es doch immer ein Abfall von den Lehren des Christentums sein. Ach, wie bald ist dieser Geist des Abfalls eingedrungen! Wie bald mußte der Apostel sagen: „Alle suchen das Ihrige, nicht das, was, Jesu Christi ist!“ Möchte der Herr in Seiner Gnade die Augen Seiner Heiligen öffnen, damit sie die Natur und den wahren Charakter dieser letzten bösen Tage erkennen und daran gedenken, daß Gott wohl lange Zeit Geduld beweisen kann und bewiesen hat, um Seelen zu erretten, und daß in diesem Sinne „die Langmut des Herrn für Errettung zu achten ist“, daß aber Sein Gericht, wenn auch verzögert, doch nicht aufgehoben ist. Denn das Wort aus Seinem eigenen Munde bezeugt es uns, und das einzige Heilmittel für das gegenwärtige Übel ist das Gericht. Wie wir gesehen haben, drangen von Anfang an die Grundsätze des Verderbens in die Kirche ein, und das Zeugnis für Gott verschwand. Das Unkraut wurde gesät und so die Saat im Acker verdorben.
Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit begann, sich wirksam zu erweisen. In dem Sendschreiben an Laodicäa schreibt der Herr den doppelten Charakter des Bösen, das Er in dieser Versammlung vorfand, den bösen Grundsätzen zu, die im Anfang eingedrungen waren. Der Zweck, weshalb die Saat ausgestreut war, war gänzlich verfehlt worden, denn statt ein Zeugnis für Gott zu sein, sagt die Kirche: „Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts“. Zwei Dinge von besonderer Bedeutung kennzeichnen diese Versammlung in Laodicäa; zunächst maßt sie sich an, in sich selbst große geistliche Reichtümer zu besitzen, und dann ist im Blick auf Christum ihr Zustand „weder kalt noch warm“. So finden wir auf der einen Seite große Anmaßung und auf der anderen nur die Form, aber nicht die Kraft des Lebens: „Du bist weder kalt noch warm“.
Es ist zwar kein entschiedener Haß gegen Christum vorhanden, aber auch kein entschiedener Eifer für Ihn. Die Kirche geht äußerlich in Bequemlichkeit und Weltförmigkeit voran, während sie zugleich auf große geistliche Reichtümer Anspruch macht. Dies ist ein sicheres Zeichen der Armut; denn da, wo man sich rühmt, in sich selbst die Reichtümer Gottes zu besitzen, kann man stets mit Sicherheit darauf rechnen, der Armut zu begegnen, weil diese Reichtümer in Christo allein zu finden sind. Wenn die Kirche sagt: „Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts“, so rühmt sie sich, Reichtümer in sich selbst zu besitzen, und macht auf diese Weise sich statt Christum zum Gefäß der Gnade. Aber indem sie dieses tut, besiegelt sie weder durch ihr „Amen“ die Verheißungen Gottes in Jesu, noch ist sie ein wahrhaftiges und treues Zeugnis für Gott.
Sie hört auf, dies zu sein, sobald sie den Blick von Christo als der einzigen Quelle abwendet und sich selbst für das Gefäß der Reichtümer hält; ja, sie wird dann notwendigerweise zu einem falschen Zeugnis. Sobald ich sage: die Kirche ist dieses oder jenes, oder: die Kirche ist es, worauf ich blicke, und nicht Christus, wird mein Auge völlig von Christo ab- und auf die Kirche hingewendet. Ich betrachte dann nicht mehr Christum, sondern die Kirche, wie sehr ich auch vorgeben mag. Ihn zu ehren. Es handelt sich hierbei nicht um die Treue Gottes, sondern um unsere Fehler. Dies festzuhalten ist von höchster Wichtigkeit, da es uns vor Täuschung bewahren kann. Die Gläubigen in Philadelphia machten nicht den vollen Gebrauch von allen den Segnungen, die ihnen in Christo zugehörten; sie hatten nur eine kleine Kraft, und alles, was der Herr von ihnen sagen konnte, war, daß sie Sein Wort bewahrt und Seinen Namen nicht verleugnet hatten.
Da aber die Versammlung ihre Armut fühlte, so fand Christus Seine Freude an ihr und konnte sagen: „Ich bin für euch, und ich komme für euch“. „Ich werde die, welche aus der Synagoge des Satan sind, zwingen, daß sie erkennen, daß ich dich geliebt habe“. Sobald aber die Kirche sich anmaßt, reich zu sein in sich selbst, sobald sie Reichtümer für sich in Anspruch nimmt und sich mit ihnen Anerkennung verschafft, wird sie, statt der Gegenstand der Wonne Christi zu sein. Ihm zum Ekel, so daß Er ihr droht: „. . . so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde“.
Bei einem Blick auf die bekennende Kirche unserer Tage sehen wir, daß sie immer mehr in diesen Zustand hineinkommt, reich zu sein in sich selbst. Wenn ich finde, daß nur eine kleine Kraft vorhanden ist, daß aber das Wort bewahrt und der Name Christi nicht verleugnet wird, dann kann ich sagen: „Freuet euch! der Herr kommt bald“. Denn anzuerkennen, daß ich arm bin und nur wenig Kraft besitze, ist nicht Unglaube gegen Christum; wenn ich, um Kraft zu haben, mich auf Ihn stütze, weil ich mich selbst kraftlos fühle, so ist das nicht, daß ich verleugne, was ich in dem Herrn habe, sondern ich offenbare den Charakter des Leibes, der seine Fülle in dem Haupte findet. Sobald ich aber sehe, daß eine Versammlung dem Gedanken Raum gibt, diese Fülle und diese Reichtümer in sich selbst zu haben, so kann ich ihr zurufen: Ihr seid auf dem Wege nach Laodicäa, dessen Ende ist, aus dem Munde Christi ausgespien zu werden. Die Versammlung zu Laodicäa glaubte, alles in sich selbst zu haben und nichts zu bedürfen, aber dies bewies nur, wie völlig unwissend sie hinsichtlich ihres wahren Zustandes vor Gott war. „Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts und weißt nicht, daß du der Elende und Jämmerliche und arm und blind und bloß bist. Ich rate dir, Gold von mir zu kaufen, geläutert im Feuer, auf daß du reich werdest, und weiße Kleider, auf daß du bekleidet werdest und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, auf daß du sehen mögest“. Da die Versammlung in Laodicäa diese Dinge nicht bei dem Herrn suchte, so fehlten sie ihr alle. „Gold“ bedeutet die göttliche Gerechtigkeit im Gegensatz zu der menschlichen und bezeichnet die Stellung und die Reichtümer der Heiligen, sowie die Grundlage, auf der sie stehen. Die „weißen Kleider“ sind die Werke der Heiligen, die Früchte ihres Glaubens an die göttliche Gerechtigkeit, die aus dem Besitz dieser Gerechtigkeit hervorgehen. Menschliche Gerechtigkeit ist gänzlich verschieden von den Gerechtigkeiten der Heiligen, die der Ausfluß solcher Herzen sind, die durch die göttliche Gerechtigkeit befreit sind. Bei einem indischen Fakir oder einem türkischen Derwisch finden wir eine Menge von Werken, aber nichts, was auf die Erlösung gegründet wäre. Die Werke des Geistes sind der Ausfluß des Geistes, welcher der Seele als Siegel der göttlichen Gerechtigkeit gegeben ist; diese heiligen Werke sind die Früchte des Heiligen Geistes in uns, jene „weißen Kleider“, an denen es in Laodicäa gänzlich mangelte. Denn da die göttliche Gerechtigkeit fehlte, so konnte unmöglich eine praktische geistliche Gerechtigkeit vorhanden sein, wie in Offb 19, 8 gesagt ist: „Die feine Leinwand sind die Gerechtigkeiten der Heiligen“. Auch fehlte ihnen die „Augensalbe“; sie waren für die Dinge Gottes so blind, wie die Natur es nur sein kann; sie hatten durchaus kein geistliches Verständnis und doch sagten sie: „Wir sehen“. Deshalb bleibt ihre Sünde. Da sie so weder göttliche Gerechtigkeit, noch die daraus hervorgehenden Früchte des Geistes besaßen und noch im Zustand natürlicher Blindheit verharrten, fehlte ihnen alles. Anmaßung war in Oberfluß da, aber nichts, was vor Gott Anerkennung finden kann; alles war bloßer Schein. Gleichwohl bricht der Herr noch nicht jede Verbindung mit Laodicäa ab; aber Er spricht zu der Versammlung als außerhalb von ihr stehend. Denn wenn die bekennende Kirche dahin gekommen ist, praktischerweise eine jüdische Stellung einzunehmen, so nimmt der Herr Seinen Standpunkt draußen und ruft den einzelnen Seelen, die sich innerhalb derselben befinden, zu: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört“ . . . Der Herr wünscht die Aufmerksamkeit auf Sich zu lenken; Er begehrt Einlaß; Er kündigt der Kirche an, was ihr bevorsteht: das gewisse Gericht; doch bis zu dessen Vollziehung kann Er nicht anders, als fortfahren. Seine kostbare Gnade auszuüben. Die Gegenstände dieser Gnade sind jedoch jetzt einzelne Personen, da die Kirche aufgegeben ist — „wenn jemand … die Tür auftut, zu dem will ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir“; das heißt: nur ein solcher wird Gemeinschaft mit mir haben.
„Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Throne zu sitzen“. Auf den ersten Blick scheint dies eine große Verheißung zu sein; ich glaube aber, daß es die geringste der in den Sendschreiben ausgesprochenen Verheißungen ist, da sie nur von einem Platz in der himmlischen Herrlichkeit redet, nicht aber von einer besonderen Verbindung mit Christo, wie dies in der Verheißung an Pergamus und selbst an die Getreuen in Sardes und Thyatira der Fall war. Die Freude einer persönlichen Vertraulichkeit, dies ausschließliche Teil der Braut, wird hier nicht als Beweggrund vorgestellt. Mit Christo zu regieren, ist nur ein öffentliches Zeichen der Belohnung und der Herrlichkeit; etwas ganz anderes aber ist die innige Vertraulichkeit, die durch „das verborgene Manna“ und „den weißen Stein“ ausgedrückt wird.
Die, welche das Anklopfen gehört und dem durch die Gnade Folge geleistet haben, gehen in die himmlische Herrlichkeit ein; sie haben überwunden, und der Lohn, der darin besteht, mit Ihm auf Seinem Thron zu sitzen, kann ihnen deshalb nicht ausbleiben. Auch haben sie Teil an der ersten Auferstehung und somit Teil an der Herrschaft mit dem Christus. Indessen kann man von den beiden Zeugen in Offb 11 dasselbe sagen. „Sie stiegen in den Himmel hinauf . . . und es schauten sie ihre Feinde“. Sie sitzen auf Thronen; sie erhalten ihre Belohnung, die sich aber darauf beschränkt, daß sie einen Platz in der Herrlichkeit haben; dagegen hören wir nichts von der philadelphischen Innigkeit der Beziehungen, von einer besonderen Wonne, die Christus darin findet, die geliebte Versammlung bei Sich zu haben, und welche die Versammlung ihrerseits genießt in dem Besitz ihres geliebten Herrn. Immerhin aber haben sie ihren Platz in der Herrlichkeit.
Das feierliche Zeugnis des Herrn, daß die bekennende Kirche aus Seinem Munde ausgespien werden soll, sollte unsere Herzen mit weit mehr Betrübnis erfüllen, als der Gedanke an das Gericht über die Welt; denn für das Herz hat es einen viel schrecklicheren Charakter, als selbst das Gericht über den Antichristen, weil es etwas betrifft, das den Abscheu Christi erregt, das Ihn anekelt, da es früher in einer äußeren Verbindung mit Ihm gestanden hat.
Und wie wichtig ist dies, wenn wir bedenken, daß wir mitten darin leben! Wenn ich von der bekennenden Kirche unserer Tage rede, so verstehe ich darunter das, was man gewöhnlich die Christenheit nennt, was den Namen Christi trägt, während es ihn in den Werken verleugnet. Gerade das, was einst bekannt hat, in Verbindung mit Ihm zu stehen, wird von dem Herzen, dem Geiste und dem Wesen Christi, als Seinen Abscheu erregend, völlig verworfen. Der Judaismus und das Namenchristentum werden am Ende weit mehr miteinander verbunden sein, als man im allgemeinen denkt. Das Lamm mit den zwei Hörnern, der falsche Prophet der Offenbarung, wird seine Macht zu Gunsten des römischen Kaisers verwenden.
Von Anfang an trug das Verderbnis in der Kirche diesen doppelten Charakter; zunächst des Götzendienstes, der Anbetung der Engel usw. und dann des Judaismus. So lesen wir z. B. im Kolosserbrief: „Sehet zu, daß nicht jemand sei, der euch als Beute wegführe durch die Philosophie und eitlen Betrug“. „So richte euch nun niemand über Speise oder Trank oder in Ansehung eines Festes oder Neumondes oder von Sabbathen . . . Laßt niemand euch um den Kampfpreis bringen, der seinen eigenen Willen tut in Demut und Anbetung der Engel“ (Kol 2, 8. 6. 18). Die Galater beobachteten, von den Juden überredet, „Tage und Monate und Zeiten und Jahre“. Von jeher war die Neigung vorhanden, das Christentum mit dem Judentum zu vereinigen. Nachdem aber das Judentum von Gott beiseitegesetzt ist, ist es um kein Haar besser als das Heidentum (vgl. Gal 4, 8—10).
Eine Religion des Fleisches, eine heidnische Anbetung der Engel, Philosophie und eitler Betrug einerseits, und das Judentum, das Tage, Monate und Jahre beobachtet, andererseits, drangen von Anfang an in die Kirche ein und veranlaßten den Apostel Paulus, die Gläubigen vor der Rückkehr zu den armseligen Elementen der Welt und vor dem jüdischen Joch zu warnen, von dem sie befreit worden waren. So schreibt er an die Galater: „Da ihr Gott erkannt habt . . . wie wendet ihr wieder um zu den schwachen und armseligen Elementen, denen ihr wieder von neuem dienen wollt?“
Gott hatte in Israel dem Fleische Gelegenheit gegeben, zu zeigen, daß nichts Gutes in ihm wohnt; Er hatte den Juden gestattet, der Richtung einer jeden menschlichen Religion zu folgen; indem Er ihnen das Gesetz, Satzungen, reiche Kleider, prächtige Gebäude, Posaunenschall und dergleichen gab. Aber dann kam Christus, und „Er ist des Gesetzes Ende, jeglichem Glaubenden zur Gerechtigkeit“.
Durch diese Gerechtigkeit waren die Galater von ihrer heidnischen Unwissenheit und ihren falschen Göttern befreit worden; aber sie wandten sich wieder zurück, denn indem sie die jüdischen Grundsätze annahmen, kehrten sie — als wenn sie noch im Fleische in der Welt lebten — tatsächlich zu ihrem alten Heidentum zurück, dessen Wesen die Religion des Fleisches ist. Als Vorbilder konnte Gott die jüdischen Anordnungen benutzen, um den Menschen auf die Probe zu stellen, bis der verheißene Same gekommen wäre; nachdem dieser aber gekommen ist, haben diese Formen denselben Charakter, wie diejenigen des Heidentums; beide sind ganz und gar „ohne Gott“ und dienen nur der Gerechtigkeit des Fleisches, das alles eifrig benutzt, was ihm einen schönen Anschein geben kann.
Diese Flut des Verderbens, die von Anfang an in die Kirche eingedrungen ist — die Rückkehr zu den armseligen Elementen, die Religiosität des Fleisches, die in Zeremonien und Satzungen ihre Ruhe findet und alles andere eher sucht, als Augensalbe — wird bis ans Ende stetig zunehmen. Die Grundsätze einer solchen Religion sind überall die gleichen, und so wird sie sich mit dem verbinden, was der Form nach das Judentum ist; ebenso wird sich das Judentum seinerseits am Ende mit dieser Religion in dem Charakter des ausgeprägtesten Götzendienstes vereinigen.
Die falsche Religiosität unserer Tage hat den Charakter des Judentums; man begnügt sich damit, die Form der Gottseligkeit zu haben, ohne ihre Kraft zu besitzen. Dieser Grundsatz des babylonischen Götzendienstes ist es, der am Ende durch das Tier herrschen wird. Der Geist des Unglaubens wird alles annehmen, das Judentum sowohl als das babylonische System, nur nicht die Wahrheit, und die Folge wird sein, daß die ungläubigen Juden durch die babylonische Macht verführt werden. Diese wird im Osten die Formen des Judentums annehmen, während im Westen die Formen des babylonischen Götzendienstes unverhüllt hervortreten wird.
Wie überaus ernst ist der Gedanke, daß diese Welt, durch die wir gehen, der Schauplatz solcher Ereignisse sein wird! Wie sehr der Mensch sich jetzt auch dieser bekennenden Kirche rühmen mag, am Ende wird sie dennoch aus dem Munde Christi ausgespien werden, — sie, die sich anmaßt, die volle Macht des Heiligen Geistes zu besitzen, während ihr alles mangelt, was Christum in Seinem Wert anerkennt, dagegen sich selbst allen Wert beimißt und sich dadurch Anerkennung verschafft. Möge uns der Herr in der Stellung von Philadelphia bewahren, so daß wir, wenn auch die Kraft gar klein ist, das Wort Seines Ausharrens bewahren!
Möge Er uns erhalten in dem empfundenen Genuß unserer vollkommenen Verbindung mit Ihm, der eine offene Tür vor uns gegeben hat und der sie offen halten wird, bis Er kommt, um uns zu Sich aufzunehmen! Anhang Die vorstehenden Betrachtungen sind Auszüge aus einer Reihe von Vorträgen und hatten die praktische Erbauung der Heiligen Gottes zum Zweck. Es ist deshalb in ihnen nicht die Rede von den verschiedenen aufeinanderfolgenden Zuständen der Kirche, auf die der moralische Zustand einer jeden der sieben Versammlungen seine Anwendung findet.
Zur Ausfüllung dieser Lücke mögen die nachfolgenden kurzen Bemerkungen dienen. Der Leser wird sich erinnern, daß wir in den Sendschreiben niemals der wirkenden Macht des Geistes Gottes, welche die Quelle der Segnung der Versammlung ist, begegnen, sondern daß es sich in ihnen vielmehr stets um die Form oder den Zustand der bekennenden Kirche handelt, nachdem diese Macht des Geistes wirksam gewesen und die Verantwortlichkeit des Menschen eingetreten ist.
Es mag sich ein gewisses Maß von Segnung oder eine große Strafbarkeit vorfinden, aber nie kann die wirkende Macht des Heiligen Geistes Gegenstand des Gerichts sein. Schon die erste Versammlung (Ephesus) zeigt das Abweichen der Gläubigen von ihrem ersten gesegneten Zustand, den die Macht des Heiligen Geistes hervorgebracht hatte. Dieser Umstand bezeichnet hinlänglich den Zeitabschnitt, auf den sich das Sendschreiben bezieht. Zugleich deutet es in allgemeiner Weise das Endergebnis an, das für die ganze bekennende Kirche daraus hervorgehen muß, daß sie die erste Liebe verlassen hat. Die Kirche wird hier betrachtet als ein von Gott in der Welt aufgerichtetes System, als ein Licht in der Welt, nicht aber in ihrer vollkommen sicheren Stellung, als der wahre, lebendige Leib Christi, der nach der Kraft der Erlösung durch die unfehlbare Macht Christi sichergestellt ist. Die Kirche verließ ihre erste Liebe, und dies bewies, daß der Mensch in der Segnung, unter die Gott ihn gestellt hatte, nicht geblieben war. Der Herr kündigt nun der Kirche, in ihrer Stellung in der Welt betrachtet, an, daß sie hinweggetan werden würde, wenn sie nicht zu ihren ersten Werken zurückkehre. Das also war schon ihr Zustand in den Tagen der Apostel unmittelbar nach ihrer Gründung. — So ist der Mensch. —
Das an Ephesus gerichtete Schreiben spricht von Verantwortlichkeit im Blick auf die der Kirche zuteil gewordene Gabe des Heiligen Geistes, redet von ihrem Verfall und droht ihr an, sie hinwegzutun, wenn sie nicht zu ihrem ersten Zustand zurückkehrt. Sie wird ermahnt, die ersten Werke zu tun, des Werkes des Heiligen Geistes zu gedenken, wie es sich im Anfang in ihrer Mitte geoffenbart hatte. Wohl war noch manches Gute in Ephesus vorhanden; unter anderem konnten sie die Bösen nicht ertragen und verurteilten die, die sich anmaßten, mit Autorität zu lehren; in Wirklichkeit aber hatte sich ihr Herz von Christo entfernt. Dieser Zustand führte bald Trübsale für die Kirche herbei, wenn auch nur für eine beschränkte Zeit (Smyrna).
Die Armen der Herde, die Getreuen, wurden den verleumderischen Anklagen derer ausgesetzt, die vorgaben, ein wohlbegründetes Recht zu haben, sich Gottes Volk zu nennen; zugleich kamen Verfolgungen von außen über sie. Dieser Zustand dauerte von Nero bis auf Diokletian. Nach diesem charakterisierte ein anderer Zustand der Dinge die Kirche. Sie war durch die Verfolgung hindurchgegangen, und manche hatten als treue Märtyrer ihr Leben gelassen. Die Welt, ihr irdischer Wohnort, hatte sich als ihre Feindin erwiesen. Jetzt aber drangen Lehren in die Kirche ein, die sie zur Verbindung mit der Welt führten; sie wurde dahin gebracht, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen (Pergamus). Das gleiche hat einst Balaam Israel gegenüber getan.
Da er es als “ Feind nicht verfluchen noch verderben konnte, gab er als angeblicher Freund Israels dem Feind Ratschläge zum Verderben Israels. Auch wurden Lehren in der Kirche verbreitet, die zu bösen Werken führten, welche die Verletzung unmittelbarer, moralischer Bande guthießen. Es ergeht deshalb der Ruf an die persönlich Treuen, die sich inmitten dieses Bösen befanden, es zu verlassen. Dieser Zustand kennzeichnete die Kirche seit den Tagen Konstantins; obwohl er sich schon früher eingeschlichen hatte, entwickelte er sich doch erst von diesem Zeitpunkt an zu einem bestimmten System. Das Papsttum begann, innerhalb der bekennenden Kirche die Mutter von Kindern zu werden. Dies sehen wir deutlich in Thyatira. Jesabel ist nicht einfach eine Prophetin, welche die Knechte Gottes verführt, wie es die taten, welche die Lehre Balaams hatten, sondern sie ist die Mutter von Kindern. Alle, die sich mit ihr verbanden, sollten in große Drangsal kommen, ihre Kinder aber einem völligen Gericht anheimfallen. Schon hier wird die Aufforderung: „wer ein Ohr hat, höre“, erst ausgesprochen, nachdem die „übrigen, die in Thyatira“ sind, von der Masse unterschieden sind. In den drei ersten Sendschreiben richtet sich die Aufforderung an den ganzen Körper. Hernach aber, nachdem alle Buße verweigert und deshalb jede Hoffnung auf Wiederherstellung des Körpers, als eines Ganzen, verloren ist, wird die Ankunft Christi und die gänzliche Veränderung der gegenwärtigen Verwaltung den Heiligen als ihre Hoffnung vorgestellt. Meines Erachtens schließt hier die allgemeine prophetische Geschichte des bekennenden Körpers in seiner Gesamtheit. Zunächst folgt jetzt der Protestantismus, ich sage nicht die Reformation, als ein Werk der Macht Gottes mittels des Heiligen Geistes, sondern der Protestantismus als das große öffentliche Resultat dieses Werkes unter den Menschen, inmitten der bekennenden Christenheit.
Christus wird deshalb hier von neuem als Der vorgestellt. Der alles für die Kirche in Seiner Hand hält. Was die Kirche selbst betrifft, so hat sie den Namen, daß sie lebe, aber sie ist tot. Wir begegnen in Sardes nicht der Prophetin Jesabel, welche Kinder des Verderbnisses, der Hurerei und des Götzendienstes hervorbringt; sein Zustand besteht vielmehr darin, daß es nicht dem entspricht, was es empfangen und gehört hat. Es wird ihm daher angekündigt, daß es bei der Ankunft Christi zum Gericht behandelt werden wird wie die Welt (vgl. 1. Thess 5). Ich bemerke hier noch, daß diese allgemeinen Zustände, welche die Kirche charakterisieren, bis zum Ende ihren Fortgang haben; so der Zustand von Ephesus, Thyatira, Sardes, Philadelphia und selbstverständlich auch von Laodicäa, obwohl einige dieser Zustände erst spät beginnen mögen. Indessen sollte nicht alles in diesem Zustande von Sardes bleiben.
Eine Wiederherstellung der Kraft sollte zwar nicht stattfinden — die sieben Geister und die sieben Sterne in der Hand Christi dienten, wenn ich so reden darf, zu nichts anderem als zur Verurteilung — aber es sollte ein Häuflein von Getreuen da sein, welches das Wort Christi bewahrt und Seinen Namen nicht verleugnet, das allerdings nur eine kleine Kraft besitzt, aber eine geöffnete Tür vor sich hat. Der Charakter Christi und nicht Seine Macht wird in dem Sendschreiben an Philadelphia in den Vordergrund gestellt und der Heilige Geist bezeichnet Festigkeit, Gehorsam, Abhängigkeit und ein treues Bekennen Christi als die Eigenschaften derer, die Christus einst darstellen wird als die, welche Er geliebt hat. Sie werden durch die Zusicherung, daß Er bald kommt, gestärkt und getröstet. Nach der Offenbarung dieser Verachteten von Philadelphia wird uns in Laodicäa gezeigt, was das Ende des allgemeinen, bekennenden Körpers sein wird. Sein Zustand kennzeichnet sich nicht so sehr durch das Verderben Jesabels, als durch eine abscheuerregende Lauheit, eine hohe Meinung von sich selbst und seinem vermeintlichen Reichtum, während in Wahrheit göttliche Gerechtigkeit, geistliche Unterscheidung und die Früchte eines geistlichen Charakters völlig fehlen. Die in diesem Zustand befindliche Kirche wird aus dem Munde Christi ausgespien werden.
Das ist das Ende der bekennenden Welt, insoweit sie sich von Jesabel unterscheidet. So geben uns die sieben Sendschreiben in großen Zügen die Geschichte der bekennenden Kirche von den Tagen der Apostel bis dahin, wo sie gänzlich verworfen oder durch Gott gerichtet wird. Dieses Gericht wurde schon Ephesus angekündigt, es wird aber erst ausgeführt werden in Jesabel und Laodicäa, nachdem Gott eine bewunderungswürdige Geduld bewiesen hat. Schließlich nimmt Christus in dem Charakter, unter dem Er Sich in dem Sendschreiben an Laodicäa ankündigt, den Platz des Zeugnisses ein, das die Kirche nicht vermocht hat, aufrechtzuerhalten. — Möchte der Herr uns allen die Gnade schenken, in der gegenwärtigen Zeit einen wahrhaft philadelphischen Charakter zu erweisen.


