Psalm 102 – Die tiefste Erniedrigung des Heilands

Psalm 102 – Die tiefste Erniedrigung des Heilands

Gebet eines Elenden, wenn er verschmachtet und seine Klage vor Jehova ausschüttet.

Wir wollen uns zuerst fragen: Lieben wir den Herrn Jesus wirklich? Wie lieben wir Ihn? Wenn die Betrachtung dieses Psalmes uns dazu führt, Ihn besser kennenzulernen und Ihn mehr zu lieben, dann wird Er dadurch verherrlicht werden.

a) Die Verse 1–11, 23–24a: Seine Erniedrigung und Einsamkeit

Fünfmal lesen wir vom „Tag“. Sie offenbaren uns die innersten Gedanken, die der Herr Jesus auf seinem ganzen Leidensweg und im Hinblick auf das Kreuz hatte.

In der Überschrift wird weder ein Autor noch eine Gesangsanweisung genannt. Die Verse 1–2 sind ein Schrei der Bedrängnis: „An dem Tage, da ich rufe, erhöre mich eilends!“

Es ist nicht das Gebet eines Elenden, sondern des Elenden. Der Schreiber verstand wahrscheinlich nicht, wen er beschrieb – doch der Geist Gottes hatte den im Blick, der niedergebeugt und misshandelt wurde (Jesaja 53).

Der Elende schüttet seine Klage vor Jehova aus, nicht vor Menschen. Welch ein Beispiel für uns, die wir so leicht bei Menschen Trost suchen und uns dabei oft nur um uns selbst drehen. Psalm 62,8 ruft uns zu: „Schüttet vor ihm aus euer Herz!“

In Psalm 102 bringt der Sohn seine Klage aus dem Innersten vor den Vater. Dieses Zwiegespräch übersteigt unser Fassungsvermögen. Wir finden weder Murren noch Auflehnung – die Leiden werden schmerzlich empfunden, aber angenommen.

Körperliche Leiden (V. 3–5)

„Meine Gebeine glühen … versengt und verdorrt ist mein Herz … mein Gebein klebt an meinem Fleische.“

Einsamkeit (V. 6–7)

„Ich gleiche dem Pelikan der Wüste … der Eule der Einöden … wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.“

Die Bilder sprechen von völliger Verlassenheit. Wer selbst Einsamkeit erlebt hat, ahnt nur schwach, was dies für den Herrn bedeutete.

Doch selbst in Einsamkeit kann man sich zu Gott wenden, an andere denken, das Wort aufnehmen – und Ermunterung finden (Röm. 15,4). Der Herr selbst sagt: „Der Herr, Jehova, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten.“ (Jes. 50,4)

Für Ihn jedoch gab es die Stunden der Sühnung, in denen der Vater das Gebet hemmte (Klagel. 3,8).

Der Schatten des Kreuzes (V. 3, 11)

„Wie Rauch entschwinden meine Tage … wie ein gestreckter Schatten.“

Im Johannesevangelium wird dieser Schatten immer deutlicher: – „Ich lasse mein Leben für die Schafe“ (Joh. 10,15) – „… dass Jesus sterben sollte“ (Joh. 11,51) – „Wenn das Weizenkorn nicht stirbt …“ (Joh. 12,24) – „Jetzt ist meine Seele bestürzt …“ (Joh. 12,27) – „Seine Stunde war gekommen …“ (Joh. 13,1)

Verhöhnung (V. 8)

„Den ganzen Tag höhnen mich meine Feinde.“

Im Johannesevangelium: „Du hast einen Dämon“ – viermal. „Du bist ein Samariter.“ „Sie hoben Steine auf …“ „Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.“

Vorahnung des Verlassenseins (V. 9–10)

„Asche esse ich wie Brot … meinen Trank vermische ich mit Tränen … vor deinem Zorn und deinem Grimm.“

Der Sohn, der „Tag für Tag die Wonne“ des Vaters war (Spr. 8,22–30), musste „hingeworfen“ werden (Eph. 4,9).

b) Die vor Ihm liegende Freude (V. 12–22)

„Welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete …“ (Hebr. 12,2)

Die bestimmte Zeit der Gnade (V. 13)

Diese Gnade gilt zuerst Zion, dann den Nationen und allen Königen der Erde.

Wenn Jehova Zion aufbauen wird, erscheint Er in Herrlichkeit (V. 16). Damit man den Namen Jehovas verkündige (V. 21). Die Völker werden sich versammeln, um Jehova zu dienen (V. 22).

Der Blick in die Zukunft

Inmitten der Leiden sieht der Herr die Frucht seines Werkes: – Ruhe zur Rechten Gottes – Segnung für Israel – Segnung für die Nationen – Lob in Jerusalem – Versammlung der Völker

„Ein Volk, das erschaffen werden soll, wird Jehova loben“ (V. 18). „Um zu hören das Seufzen des Gefangenen …“ (V. 20). Jesaja 53: „Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und sich sättigen.“

Offenbarung 21,23–24 zeigt die Vollendung: Die heilige Stadt, erleuchtet vom Lamm.

c) Die Aussicht auf den Tod (V. 23–24a)

„Er hat meine Kraft gebeugt … verkürzt meine Tage.“

Der Herr empfindet in seiner vollkommenen Menschheit, was es bedeutet, mit etwa 33 Jahren hinweggenommen zu werden. Dieses Los war für „Männer des Blutes und des Truges“ bestimmt (Ps. 55,23) – und doch musste Er es tragen.

d) Die göttliche Antwort (V. 24b–28)

Die Stimme des Elenden verstummt – Gott selbst spricht.

Der Elende sprach von der Kürze seiner Tage. Gott spricht von Jahren:

„Von Geschlecht zu Geschlecht sind deine Jahre.“

Er ist der Schöpfer: „Du hast vormals die Erde gegründet … die Himmel sind deiner Hände Werk.“

Sie werden vergehen – Er bleibt. „Du bist derselbe, und deine Jahre enden nicht.“

„Du aber bleibst“

Ein Wort, das durch die Geschichte hindurch Trost geschenkt hat – in China, in den Trümmern Londons nach dem Krieg, und bis heute.

„Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Hebr. 13,8).

Die Frucht seines Leidens (V. 28)

„Die Söhne deiner Knechte werden wohnen … ihr Same wird vor dir feststehen.“

Wer sind diese Knechte? Die durch Gnade Erretteten – Juden und Nationen –, die an Den glauben, der für sie so viel gelitten hat.