Lukas 15 Drei Gleichnisse von der Freude über die Buße
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BdH 1853
Der Text aus Botschafter des Heils in Christo (1853) entfaltet Lukas 15 als eine der tiefsten Offenbarungen des Herzens Gottes. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern Gott selbst, der sich in Christus offenbart – in Worten, Werken und in seiner ganzen Art zu handeln.
Der Autor zeigt: Gott bleibt Gott – Liebe, Gnade, Freude – ungeachtet der Sünde des Menschen. Und gerade darin findet das menschliche Herz Ruhe.
Gott offenbart sich – nicht im Glanz, sondern im Menschensohn
Der Text betont, dass der Mensch die volle Herrlichkeit Gottes nicht ertragen könnte. Deshalb verbarg Gott seine Fülle in Christus, dem Menschensohn. Doch gerade diese Demut Gottes wurde vom Menschen missverstanden und abgelehnt.
„Gott wird seinen Charakter nicht von Menschen nehmen.“
Christus offenbart Gott – und die Ablehnung durch die Menschen macht diese Offenbarung nur noch deutlicher.
Die Einwände der Selbstgerechten – damals wie heute
Die Pharisäer murren: „Dieser nimmt die Sünder auf und isst mit ihnen.“
Der Text zeigt: Menschen akzeptieren Gottes Gericht – denn sie glauben, bestehen zu können. Aber sie ertragen Gottes Freude über Sünder nicht.
Warum? Weil Gnade den Menschen erniedrigt und Gott erhöht.
Die Selbstgerechtigkeit sucht Unterschiede zwischen Menschen, um sich selbst zu erhöhen. Doch Gnade macht alles gleich: Alle haben gesündigt.
Die drei Gleichnisse – ein einziger Gedanke: Gottes Freude
Der Autor zeigt, dass alle drei Gleichnisse denselben Grundton tragen:
- Der Hirte – sucht das Schaf
- Die Frau – sucht das Geldstück
- Der Vater – nimmt den Sohn wieder auf
Gemeinsamer Nenner: Die Freude Gottes, nicht die Leistung des Menschen.
- Beim Schaf: Der Hirte trägt es.
- Beim Geldstück: Die Frau sucht unermüdlich.
- Beim Sohn: Der Vater läuft entgegen.
Der Mensch tut nichts – Gott tut alles.
Der verlorene Sohn – nicht das Suchen, sondern die Aufnahme
Der Text legt den Schwerpunkt auf die Wiederaufnahme:
- Der Sohn erkennt seine Not.
- Er kehrt um.
- Aber er versteht das Herz des Vaters noch nicht.
Er will sagen: „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner.“
Doch der Vater lässt diesen Satz nicht zu. Er unterbricht ihn – und fällt ihm um den Hals.
„Der Vater handelt für sich selbst – seiner selbst würdig – als Vater.“
Der Sohn misst die Liebe des Vaters an seiner eigenen Unwürdigkeit. Der Vater misst die Aufnahme an seiner Vaterschaft.
Die Gnade Gottes – größer als jede Sünde
Der Text zeigt eindrücklich:
- Der Sohn war schon Sünder, als er das Haus verließ – nicht erst bei den Schweinen.
- Die Sünde besteht darin, unabhängig von Gott leben zu wollen.
- Die Gnade reicht tiefer als jede Erniedrigung.
„Wenn die Sünde mächtiger geworden ist, ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.“ (Röm 5,20)
Der Vater begegnet dem Sohn nicht mit Vorwürfen, sondern mit:
- Umarmung
- Kuss
- Kleid
- Ring
- Schuhen
- Festmahl
Alles spricht: Würde, Ehre, Sohnschaft.
Die Freude des Vaters – der Himmel stimmt ein
Der Text betont: Nicht nur der Sohn freut sich über die Rückkehr – Gott freut sich.
Diese Freude Gottes ist der Grundton des Himmels. Die Engel stimmen ein. Jedes Herz, das Gnade kennt, stimmt ein.
Nur eines nicht: Die Selbstgerechtigkeit – dargestellt im älteren Sohn.
Die theologische Linie des Textes
Der Autor arbeitet drei große Wahrheiten heraus:
1. Gnade sucht den Sünder
Wie der Hirte und die Frau.
2. Gnade nimmt den Heimkehrer auf
Wie der Vater.
3. Gnade offenbart das Herz Gottes
Nicht die Würdigkeit des Menschen entscheidet, sondern die Liebe des Vaters.
Was dieser Text heute sagt
- Gott handelt nicht nach menschlichen Maßstäben.
- Gnade ist nicht logisch, sondern göttlich.
- Der Mensch kann sich nicht selbst retten.
- Gott freut sich über jeden, der zurückkehrt.
- Die größte Sünde ist nicht moralisches Versagen, sondern Selbstgerechtigkeit.
- Die größte Wahrheit ist: Gott ist Vater – und handelt wie ein Vater.
Schlussgedanke
Der Text aus Botschafter des Heils in Christo zeigt Lukas 15 als eine der schönsten Offenbarungen Gottes: Gott sucht, Gott findet, Gott vergibt, Gott freut sich. Und der Sünder darf – ohne Bedingungen – in die Arme des Vaters fallen.
Der Vater und die Wiederaufnahme des verlorenen Sohnes
Bibelstelle: Lukas 15
Es ist etwas überaus Herrliches, dass uns Gott durch unsern Herrn Jesum Christum so deutlich geoffenbart wird nicht nur in Seinen Worten, sondern auch in Seinen Werken und Seiner ganzen Verfahrungsweise.
Wir müssen alle Sünde im Lichte der göttlichen Gerechtigkeit betrachten, was sehr wichtig ist; Gott aber wirkt erhaben über alles Böse und macht Sein Recht geltend, uns zu zeigen, wer und was Er ist. Und wohl uns, dass Gott Gott sein will, ungeachtet unserer Sünde. Gott ist die Liebe und wenn Er Gott sein will, so musste Er die Liebe sein, ungeachtet aller Vernunftschlüsse und alles Murrens des menschlichen Herzens wider Ihn. Gott wird, um mich so auszudrücken, nach den Gefühlen Seines Herzens handeln und Er wird diese Gefühle ihren Eingang in die Herzen der Menschen finden lassen.
Daher kommt es auch, dass in gewissen Stellen des göttlichen Wortes! eine so eigentümliche Frische uns anweht, wenn wir auch noch so oft zu diesen Stellen zurückkehren. Der Grund liegt darin, dass Gott Sich in diesen Steilen ganz besonders offenbart. Gott fehlt nie; im Augenblick wo Er redet und Sich offenbart, haben wir immer den vollen Segen Seines Wesens. Er selbst ist es, welcher mit solcher Macht über unsere Herzen gekommen ist — Gott sei gepriesen! Er wird Seinen Charakter nicht von Menschen nehmen. Er hat es mit der Sünde zu tun, zu zeigen, was die Sünde ist und wie Er sie hinweg genommen hat, aber nichtsdestoweniger wird Er, erhaben über Alles, und durch Alles hindurch Sich selbst offenbaren. Hier gerade finden unsere Herzen ihre Ruhe. Wir haben das Vorrecht, im Hause und im Schoße Gottes, von uns selbst verlassen, zu sein.
Der Mensch würde die Offenbarung Gottes in dem Glanz Seiner Herrlichkeit nicht ertragen haben, daher hat Er in Seiner Gnade sie in dem Menschensohne verborgen. Er umkleidete sich in Fleisch; aber das Ergebnis der schlechten und leichtfertigen Vernunftsschlüsse des verdorbenen menschlichen Urteils war der Art, dass Er sich nur als Messias, als Menschensohn, als Erfüller des Gesetzes und alles dessen, was damit zusammenhing, offenbarte, so war dies nicht die ganze Fülle Gottes. Der Mensch verwarf immer; er beklagte sich unaufhörlich, indem er über gewisse Dinge aburteilte, welchen er nicht seinen Beifall geben konnte. Während er also gegen Christum sich stemmte, machte er Dessen Macht sich zu offenbaren, offenbarer, indem er das, was Dieser wirklich war, zum Erscheinen und Wiederschein brachte.
In den Kapiteln, welche dieses zeigen, wird die Seele gefesselt und befindet sich in einer Gewissheit, welche keinem Bedenken Raum lässt, in der Gegenwart Gottes selbst, in der Gegenwart der Liebe. Hier finden wir Ruhe und Frieden.
Ebenso in dem vorliegenden Kapitel. Er war genötigt die ganze Wahrheit zu sagen: dass Gott Gott sein muss. Wenn es etwas gab, was Gott freudig und fröhlich machen konnte, wie dies in diesem Gleichnis ausgedrückt ist (und dies war der Fall bei dieser Bewillkommnung des armen verschwenderischen Sohnes), so wollte Er Seine eigene Freude haben, ungeachtet der Einwendungen der Menschen. Was aber die Menschen dagegen einwenden ist dies: Sie leugnen nicht, dass Gott die Menschen richten wird (ich rede hier nicht von denen, die sich als Ungläubige bekennen); auch lassen sie den allgemeinen Grundsatz gelten, dass Gott gerecht sei, weil ihr Stolz sie glauben macht, dass sie auf diesem Grund (die Gerechtigkeit Gottes) hin, sich vor Gericht stellen und bestehen könnten.
Aber sobald Gott Seine eigene und volle Freude haben, und das, was die Freude des Himmels ist, zum Vorschein bringen will, fängt der Mensch an, Einwendungen zu machen. „Es darf nicht alles Gnadensache sein; es darf nicht sein, dass Gott so handelt mit Zöllnern und Sündern!“ Und weshalb nicht? Weil etwas von der Gerechtigkeit des Menschen kommt? Die Gnade kennt gar- nichts von der Gerechtigkeit der Menschen. Es gibt hier keinen Unterschied, denn alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verfehlt. Christus hat dies bewiesen, indem Er das Licht offenbarte und der Mensch hasste das Licht. Was den moralischen Standpunkt der Menschen zunichte macht, und dafür dem Sünder Gnade bringt, das kann der Mensch nicht ertragen, denn es erhebt das, was Gott ist, und erniedrigt den Menschen.
Was der Mensch immer zu tun sucht ist dies: er sucht einen Unterschied zwischen der Gerechtigkeit des einen und des andern Menschen zu machen, damit er seinen eigenen Charakter vor den Menschen aufrecht erhalte. In Joh. 8 lesen wir, dass ein Weib vor Christus geführt ward, welches dem Gesetze nach die Strafe der Steinigung verwirkt hatte. Unstreitig war sie schuldig. Man wollte Jesum nötigen, ihr entweder Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten gedachten den Herrn hier in eine schwierige Klemme zu bringen.
Sprach Er sie los, so brach Er das Gesetz Moses; sprach Er: „Sie soll gesteinigt werden“, so sagt Er nicht mehr als auch Moses. Was tat Er? Er ließ dem Gesetz und der Gerechtigkeit freien Lauf; aber — „wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ Das Gewissen begann bei den Pharisäern und Schriftgelehrten zu wirken, zwar nicht in der Ordnung, wie es sollte, das ist wahr; ihr Charakter war es, weshalb sie in Unruhe gerieten; nichtsdestoweniger wollte ihr Gewissen reden, und sie entfernten sich aus der Gegenwart des Lichts, weil das Licht offenbar machte, wer sie waren; es zeigte, dass sie Sünder waren; Alle, vom Ältesten bis zum Jüngsten, gingen sie hinaus.
Wer unter ihnen den längst begründeten guten Ruf bei den Menschen hatte, der war jetzt froh, der Erste zu sein, sich dem Auge zu entziehen, welches das Innere durchdrang und entschleierte, und sie ließen Jesum mit der Sünderin allein. Er wollte das Gesetz nicht vollziehen, denn Er war nicht gekommen, um zu richten; „So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige nicht wieder „. Was uns hier gezeigt wird, ist die Liebe. „Es kamen damals alle Zöllner und Sünder zu Ihm, um Ihn zu hören. Und es murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten und sprachen: „Dieser nimmt die Sünder auf und isset mit ihnen“.
Manchen könnte es allerdings befremden, dass Gott, als Er auf diese Erde herabkam, der Gerechtigkeit des Menschen gar keines Blickes würdigte, sondern sich in der Gesellschaft der Zöllner und Sünder befand. Ach freilich! das musste ja alle die schönen moralischen und ehrbaren Gedanken der Menschen zu Boden werfen. Ja, so muss es Gott gerade machen, weil alle jene Gedanken im Unrecht begründet sind.
Diese Gleichnisse werden zeigen, gegen welche Art des Geistes der Gnade man Einwendungen macht. Wir finden in ihnen den großen und glückseligen Gedanken: — den geoffenbarten Gott.
„Ich will“, sagt Er, einen Menschen als Beispiel anführen, von welchem angenommen werden soll, dass er sich in dem schlimmsten und schmutzigsten Zustande befinde, den man sich nur denken kann, ja der soweit herabgekommen ist, dass er mit den Schweinen zusammen ißt, und dennoch — trotz alledem gibt es hinter allem diesem noch etwas was Ich hervortreten lassen will; etwas, was eure natürlichen Herzen verkennen müssen, nämlich: die Freude eines Vaters, der ein Kind wieder aufnimmt, das zu Ihm zurückkehrt Was auch der Zustand eines solchen Kindes sein mag — das Herz des Vaters wird es rechtfertigen in Seinen Gefühlen der Güte.
Nach einer Ermüdung des Herzens in der Welt — nachdem Jesus durch die Welt gegangen war und keinen Platz gefunden hatte, wo ein wirklich gebrochenes Herz hätte ausruhen können — kam Er um zu zeigen, dass das was zu finden war, nirgendwo anders als in Gott gefunden werden konnte. Glückselige Gewissheit, dass endlich doch das arme, auf seinen Wegen ermüdete Herz eine Ruhe finden kann, in dem segensvollen Schoße des Vaters! Glückselige Gewissheit, dass das Herz hier tun konnte, was es sonst nirgendwo konnte, — sich ausschütten vor Ihm! Jetzt, wo es Gott gefunden hat, kann es dies.
Und es kann es auch in Aufrichtigkeit, wie wir im Psalm 32 lesen: „Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist. Glücklich ist der Mensch, dem Gott die Missetat nicht zurechnet, und in dessen Geist kein Falsch ist.“ Solange ich mich fürchte, getadelt zu werden, gibt es noch etwas Falsches in meinem Herzen, im Augenblicke aber, wo ich weiß, dass Alles vergeben ist, dass ich mir durch das Bekennntnis nichts als die Liebe zuziehe, kann ich Gott alles offen darlegen. Das Einzige, was im Innern des Menschen Wahrheit hervorbringt, ist die nichts anrechnende Gnade. Dies ist das Geheimnis der Macht Gottes, indem Er die Herzen mit Sich selbst in Übereinstimmung bringt.
Hier besteht der Unterschied zwischen einem Menschen, welcher vor Gott flieht, wegen seines Gewissens, und einem solchen, welcher in Gott das findet, wodurch ein vollständig überzeugtes Gewissen wieder aufgerichtet und geheilt wird. Es bleibt aber wahr, — wir können in unserem natürlichen Zustande, wenn wir unter dem Gesetz sind und die Gerechtigkeit anerkennen, nicht selbst darüber verfügen. Wenn ich mich des Gesetzes bediene, um dir einen Schlag zu geben, so muss ich mich auch selbst töten. Das Gesetz ist zu scharf, als dass man es ohne Gefahr für sich selbst handhaben könnte. Der Mensch, welcher das ehebrecherische Weib steinigen wollte, musste sein eigenes Haupt dem Gerichte des Steinwurfs aussetzen. Ich elender Mensch! (Röm. 7). Als Mensch bin ich verloren.
Im vorliegenden Kapitel werden uns drei Gleichnisse vor Augen gestellt; die Quelle von Allem, welchem wir hier begegnen, ist die Liebe. Es wird uns vorgestellt:
- Der Hirt, welcher das Schaf sucht, das verloren war;
- die Frau, die das Geldstück sucht, das verloren war;
- der Vater, der den verschwenderischen Sohn wieder aufnimmt.
Der letztere Fall betrifft nicht das Suchen, sondern die Art der Wiederaufnahme des Sohnes, als er auf der Rückkehr war. Es gibt manche Herzen, welche wieder umzukehren verlangen, welche aber nicht wissen, was für eine Aufnahme sie erfahren werden. Der Herr Jesus sagt: Die Gnade und Liebe Gottes hat sich zuerst im Suchen und sodann in der Wiederaufnahme (des verlorenen Sohnes) gezeigt. In den ersten GIeichnissen sehen wir das Suchen, im dritten die Wiederaufnahme durch den Vater. Ein Gedanke aber zieht sich durch alle diese drei Gleichnisse hindurch, nämlich: die Freude Gottes den Sünder zu suchen und wieder aufzunehmen. Er handelt gemäß Seinem eigenen Charakter. Ohne Zweifel ist es für den Sünder eine Freude, wieder aufgenommen zu- werden; Gottes Freude aber ist es, den Sünder wieder ‚aufzunehmen. Es ziemte sich nicht allein für das Kind, dass es froh war, wieder zu Hause zu sein, sondern es geziemte sich, dass wir freudig und fröhlich sein sollen.
Seht hier, meine geliebten Freunde, eine glückselige Wahrheit! Dies ist die Melodie, welche Gott angestimmt hat, und worin ein jedes Herz in den Himmeln einstimmt. Dies ist die Saite, welche Gott selbst berührt, und die Himmel geben das Echo davon wieder, und so tut auch jedes Herz, welches mit der Gnade im Einklang ist. Welchen Missklang dagegen muss hier die Selbstgerechtigkeit hervorbringen. Jesus verkündigt die Freude und Gnade Gottes, der da so verfährt, und stellt dies in den Gegensatz gegen die Empfindungen des älteren Sohnes, d. h. eines jeden Selbstgerechten — obgleich die Beschreibung des älteren Sohnes sich hier auf die Juden bezieht.
Dies ist der Ton, welcher vom Himmel herabklang in der Liebe, welche wir im Herzen Jesu hier unten finden, und ach! wie süß ist diese Liebe! In einem gewissen Sinne ist es noch süßer, sie hier zu haben, als droben. Hier unten auf der Erde ist diese Liebe Gottes so erstaunenerregend; (und so muss es auch sein, wenn man dem Menschen beikommen will) im Himmel ist es etwas natürliches. Hier auf der Er d e, u n t er uns, hat Gott geoffenbaret, wer und was Er ist: — dass es Seine Freude ist, verlorene Sünder zu retten, und selig zu machen, etwas, was die Engel gründlich zu sehen begehren.
Der Hirt nimmt das Schaf auf seine Schultern und trägt es mit Freuden mit sich heim. „Habe ich nicht recht“, (sagt er), „die verlorenen Sünder zu suchen? Ist es nicht recht, dass Gott unter die Zöllner und Sünder kommt?“. — Dies schickt sich vielleicht nicht für einen moralischen Menschen, aber es schickt sich für Gott. Sein Vorrecht ist es, mitten zwischen die Sünde zu treten, den ruinierten Sündern nahe zu treten, weil Er sie von der Sünde befreien kann. Der Hirt hat das Schaf auf seinen Schultern und freut sich; er beladet sich damit, und übernimmt alle Arbeit und Mühe dafür. Es war sein eigenes Interesse dies zu tun, denn er schützte das Schaf; es gehörte ihm zu und er trägt es nach Hause. So stellt Jesus den Hirten dar. Und so verhält es sich auch mit „dem großen Hirten der Schafe „.
Er stellt es uns als Sein Interesse dar, „zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“. — Er macht es selbst zu Seinem Interesse, im Sinne der Liebe, und trägt wirklich mit Freuden die Schafe mit Sich heim. (Dies ist die Kraft und Macht des Heils). Aber wie fängt Er Sein Verfahren an? Wir pflegen wohl die Leute zu ermahnen, dass sie Christum suchen. Wohl! in einem Sinne ist dies gut, denn es ist durchaus wahr, dass der, welcher sucht, findet. Aber Jesus sagte nie: „Kommet zu mir“, als bis er zuerst zu den Menschen gekommen war, — „gekommen, um zu suchen und selig zu machen, sie, welche verloren waren“.
Er sagte dies nicht vom Himmel herab, weil der arme Sünder dorthin nicht gehen konnte, sondern weil der arme Sünder nicht zum Himmel gehen konnte, um Christum zu suchen; so kam Christus auf die Erde, um ihn zu suchen. Er sagt nicht zu den armen Aussätzigen: Komme, du zum Himmel! sondern Er kam hernieder und sagte: „Sei geheilt!“ Hätte jemand anders seine Hand auf den Aussätzigen gelegt, so würde ihn dieser ebenso unrein gemacht haben, wie er selbst war; Christus aber konnte die Macht des ‚Übels in dem Aussätzigen berühren, und, anstatt von der Ungerechtigkeit angesteckt zu werden, sie vielmehr heilen. Er sagt: „Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“. Hienieden ist ebensowenig Erquickung und Ruhe zu finden, als für die Taube mitten in der Sündflut. Ich habe die Welt von allen Seiten geprüft; sie ist ein uferloser Ozean des Bösen; kommet zu Mir, und ihr werdet Ruhe finden. Wer anders hätte wohl so sagen können, als Er?
Wohl denn! es gibt noch etwas anderes in diesem zweiten Gleichnis: nämlich die Mühe, welche diese Liebe sich gibt, indem sie das sucht, was verloren war. Hier ist es nicht ein Schaf, sondern ein verlorenes Geldstück in einem Hause, was gesucht wird. Alles wird getan, um das Geld wieder zum Vorschein zu bringen. Die Frau zündet das Licht an; sie kehrt das Haus; sie kann nicht aufhören mit diesem Geschäft der Liebe, — der fleißigen tätigen Liebe, bis sie das Geldstück gefunden hat. Ihre Sache und ihr Interesse war es, danach zu suchen. Und wir sehen, welche Freude sie hat, als sie wieder in den Besitz des Geldstückes gelangt; sie stimmt gegen ihre Umgebung den Ton der Freude an; andere werden herbeigerufen, um Teil daran zu nehmen: „Freuet euch mit mir, denn ich habe das Geldstück gefunden, was ich verloren hatte“. Dies ist die Stimme des Herrn.
So finden wir denn in diesem Gleichnis denselben großen Grundsatz der Liebe, wie im vorhergehenden. Wir finden hier die geduldige Tätigkeit der Liebe, bis der Erfolg erlangt ist. In beiden Gleichnissen sehen wir diesen großen, gemeinsamen Grundsatz — die Freude der Frau und die Freude des Hirten. In dem andern Gleichnisse sehen wir die wirksame Macht und Tätigkeit dieser Gnade ebensowohl als den guten völlige Untätigkeit. Der Hirt und die Frau taten alles.
Es ist aber zugleich wahr, dass es ein bedeutendes Werk, eine Wirkung gibt, welche im Herzen derjenigen hervorgebracht wird, welcher sich verirrt hat und noch zurückgeführt wird. In diesem Gleichnis werden uns die Gefühle des Verirrten, und ferner die Art seiner Wiederaufnahme gezeigt. Der Herr setzt hier einen Fall, um den Einwendungen der Pharisäer gegen die den Zöllnern und Sündern gewährte Aufnahme zu begegnen. Er sagt gleichsam: Ich will den Fall annehmen, ein Mensch sei in jeder Art der Erniedrigung so vollständig heruntergekommen, dass er mit den Schweinen zusammen sich nährt. Ich will annehmen, er sei so schlecht, so unwürdig, wie ihr wollt, und nun — will ich euch zeigen, was die Gnade, was Gott ist.
Mögen wir in Laster leben oder nicht — wir alle haben Gott den Rücken gewandt. Der junge Mensch war ein ebenso großer Sünder, da er noch die Schwelle seines Vaters überschritt, als da er in der Fremde sich mit den Schweinen nährte. Er hatte es vorgezogen unabhängig vor Gott zu handeln, und dies war die Sünde. Er erntete ohne Zweifel die Früchte davon, aber hiervon ist nicht die Rede. In einem gewissen Sinne war Erbarmen die Folge seiner Sünde, weil es ihm zeigte, was seine Sünde war.
Es gibt hier noch einen andern Punkt. Der Mensch macht eine Unterscheidung zwischen den Sündern. Deshalb stellt der Herr einen Fall vor Augen, wo der Sünder selbst in dem Urteil der Menschen, zu der tiefsten Stufe des Bösen herabgekommen ist, und zeigt, dass die Gnade Gottes selbst bis hier hinabreicht, — ein Fall, welcher in vortrefflicher Weise die Wahrheit an’s Licht stellt, dass, — „wenn die Sünde mächtiger worden, die Gnade noch viel mächtiger worden ist! (Röm. 5. 20). Der junge Mensch hier im Gleichnis geht in die Welt hinaus, um seinen eigenen Willen zu tun. Hier haben wir das Gleichnis aller unserer Sünde. Unser Kind sündigt wider uns, — wir fühlen es; wir sündigen wider Gott, — und wir fühlen es nicht. Wir sind alle große Kinder.
„Und hier brachte er sein Vermögen durch, indem er ausschweifend lebte“. Jeder, welcher mehr ausgibt als seine Einnahme beträgt, hat den Schein reich zu sein. So geht es auch mit dem Sünder. Er scheint glücklich zu sein, während er seine Seele ruiniert.
‚,Und nachdem er alles verzehrt hatte, kam eine Hungersnot in demselben Lande und er fing an zu darben. Und er ging hin und hing sich an einen Bürger des Landes, der schickt ihn auf die Felder um die Schweine zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen, mit Trebern, die die Schweine fraßen, und niemand gab sie ihm“. Eine freie Gabe, ein Geschenk gibt es in diesem Lande nicht. Satan verkauft alles — und er verkauft teuer! — Die Seelen der Menschen sind der Preis. Wenn du dich dem Teufel verkaufst, so bekommst du nichts dafür, als die Treber der Schweine. Er wird dir nie etwas geben. Willst du ein Geschenk haben, so musst du zum Vater kommen. Das Herz findet in der Welt nicht sein Genüge; man überlasse nur einen Menschen einige Stunden lang sich selbst, und er wird anfangen zu darben.
„Er fing an zu darben“, aber sein Wille ‚war noch nicht berührt. Es gibt wenig Herzen, welche, wenn sie bis zu einer bestimmten Lebensweise gekommen sind, nicht zu darben anfangen. Sie wenden sich den Vergnügungen oder dem Laster zu, und suchen hier etwas, um das Gefühl ihres Mangels, ihrer inneren Leere zu stillen. Das Allerletzte, woran die Welt denkt, ist Gott. Die Menschen tun dies nicht eher, als bis sie zu der Überzeugung gekommen sind, dass es nichts anderes gibt, woran man sich halten kann. Sie denken nicht an ein Vaterhaus, denn sie kennen es nicht. Wenn sie an Gott denken, so denken sie nur an ein Gericht, nicht an Gnade. Ebenso ging es auch dem verlorenen Sohn:
„Da ging er in sich und sprach: Wie viel Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, und ich, ich vergehe vor Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor deinem Angesicht; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner“.
Er hatte noch nicht eingesehen, wie er aufgenommen werden konnte; er sah wohl ein, dass es im Hause seines Vaters Liebe gab; — die Tagelöhner dort hatten ja Brot im Überfluss! — und er sah auch wohl ein, nicht nur, dass er Hunger hatte, sondern auch, dass er vor Hunger verging. Im Hause seines Vaters war alles glücklich; selbst die Dienstboten waren glücklich. So war es mit ihm nicht in der Fremde, wo er jetzt war. Die Bedürfnisse seiner jetzigen Lage — alles zeigte ihm, dass er zurückkehren musste. „Ich will mich aufmachen usw.“.
Jede Seele, welche zu Gott zurückkommt, wird zu solchen Gedanken vor der in Gott befindlichen Güte gebracht.
Ganz dasselbe sehen wir bei Petrus. Er geht und wirft sich Jesu zu Füßen und sagt: „Herr, gehe von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch“. Welcher Widerspruch! Er wirft sich Jesu zu Füßen und nichtsdestoweniger bittet er Ihn, dass er Sich entferne. Und man findet oft diesen offenbaren Widerspruch da, wo es ein Werk gibt, welches auf das Gewissen und die Neigungen starken Einfluss ausübt. Gott wird uns notwendig, und nichts destoweniger sagt das Gewissen: „Du bist ein zu großer Sünder“. Petrus fühlte seine Unwürdigkeit; er fühlte, dass Jesus zu heilig, zu gerecht war, um mit einem solchen als er (Petrus) umzugehen. Nichts destoweniger konnte er nichts anders tun, als sich Ihm ergeben.
Der verlorene Sohn kehrt zurück und sagt: „Vater ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor deinem Angesicht, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen“. Er begreift noch nicht das Wesen seines Vaters, und was das Herz eines Vaters ist. Er würde froh sein im Hause seines Vaters zu sein, aber er wollte noch sagen: „Mache mich, wie einen deiner Tagelöhner“. Er maß die Liebe seines Vaters nach dem, was er selbst gewesen war, nach dem Bösen,. in dessen Mitte er gelebt hatte. Er gedachte die Stelle eines Tagelöhners einzunehmen. Es gibt viele Herzen, welche sich in diesem Zustande befinden, indem sie das Maß dessen, was der Vater tun muss, ihren Verdiensten anpassen.
Sie haben noch einen Rest von Gesetzlichkeit in sich, und möchten noch als Tagelöhner im Hause angestellt werden. „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner“. Aber dies genügte dem Vater nicht, wenn es auch dem Sohne genügte. Das Herz des Vaters würde sich beständig elend fühlen, einen Sohn als Tagelöhner im Hause zu haben, und der Sohn würde unter solchen Umständen für die Diener des Hauses nicht mehr ein Zeugnis der Liebe des Vaters gewesen sein. Der Vater kann die Söhne nicht als Tagelöhner im Hause haben, und wenn seine grenzenlose Gnade sie wieder zum Vaterhaus zurückführt, so muss er auch zeigen, dass die Art und Weise der Aufnahme der Liebe eines Vaters würdig ist. Der verlorene Sohn war noch nicht zu einer vollständigen Gebeugtheit gebracht, um zu fühlen, dass es die Gnade sein muss, sonst nichts.
Der Vater lässt dem Sohne nicht Zeit zu sagen: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“. — Er gibt ihm wohl Zeit zu sagen: „Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor deinem Angesicht, und ich bin nicht mehr wert dein Sohn zu heißen“; — mehr lässt er ihn nicht sagen. Er ist an seinem Halse und umarmt ihn. Wie konnte sein Sohn zu ihm sagen: „mache mich zu einem Tagelöhner“, wenn er an seinem Halse war und der Vater ihn fühlen ließ, dass er ein Sohn war?
Das Urteil des Sohnes hinsichtlich des Vaters muss nunmehr durch das bestimmt werden, was der Vater hinsichtlich seiner (des Sohnes) ist, und nicht durch abstrakte Verstandesfolgerungen. Der Eine war und blieb immer Vater, wenn der andere auch nicht wie ein Sohn war. Und in dieser Ordnung sollen wir auch die Gnade Gottes annehmen. Es ist nicht Sache der Tätigkeit des menschlichen Geistes, daran zu denken, was er von Gott ist, sondern durch den Heiligen Geist geschieht die Offenbarung dessen, was der Vater ist; und wie Er Vater ist, so bin ich Sohn.
Ich weiß wohl, es gibt allerdings Seelen, welche nicht völlig den Geist der Kindschaft empfangen haben, welche weder erkennen, dass sie Söhne im Hause des Vaters sind, noch ihre Ruhe in der Ruhe des Vaters finden.
Betrachten wir hier noch die Art der Wiederaufnahme des verlorenen Sohnes. Sein Geist ist erneuert; er sagt: „ich will mich aufmachen“ usw., aber bevor er noch Zeit gehabt hat, im Hause des Vaters anzulangen, und alles dies zu sagen, — „während er noch fern ist“, — lesen wir, „der Vater sieht ihn und hat Mitleid mit ihm“. Die Liebe des Vaters nimmt jetzt dem Sohne den Weg ab. Der Vater läuft seinem Sohne entgegen, fällt ihm um den Hals und umarmt ihn. In dem Sohne gibt es nichts, als das Bekenntnis der Unwürdigkeit. Es wird uns, sozusagen, überlassen, durch unsere Kenntnis dessen, was der Vater war, zu ermessen, was die Gedanken des Sohnes waren.
Nun eben von dieser Art ist auch die Schätzung unseres Heils. Wir haben zu erkennen, was und von welchem Werte wir in der Liebe des Vaters sind. Der Vater hält sich nicht damit auf dem Sohne erst Fragen zu stellen. Der Sohn weiß ja, dass er Böses getan hat; er kann dies wohl sehen. Es ist hier gar keine Rede von einer Tüchtigkeit in dem Sohne. Der Vater handelt für Sich selbst — Seiner selbst würdig — selbst als Vater. Er ist am Halse Seines Sohnes, weil der Vater dort gerne ist.
Aber er tut noch mehr. Die Diener werden herausgerufen, um den Sohn auf eine Weise, welche sich für seinen Stand geziemt, in das Haus einzuführen, und um ihn froh und guten Mutes zu machen. Die Erkenntnis der Liebe des Vaters ist es, welche mich fühlen lässt, was ich bin. Aber ich weiß, dass meine Sünden vergeben sind, und dass der Vater an meinem Halse ist und mich umarmt. Je mehr ich also meine Sünden kenne, während ich die Liebe des Vaters erkenne, desto glücklicher bin ich.
Nehmen wir an, ein Geschäftsmann habe Schulden, von denen er weiß, dass er sie nicht bezahlen kann. Er wird sich scheuen, seine Rechnungsbücher durchzusehen. Wenn aber seine Schulden berichtigt würden, und wenn er, nachdem alles bezahlt ist, noch obendrein die Gewissheit eines großen baren Überschusses hätte — (z.B. wenn ein Freund dies alles für ihn getan hätte) — da würde er gewiß sich nicht mehr scheuen, seine Rechnungsbücher nachzuschlagen, und die Entdeckung der Ausdehnung seiner Schulden würde nur dazu beitragen, das Gefühl der Liebe gegen einen solchen Freund zu erhöhen, und ihn die Größe der Liebe seines Freundes vor Augen stellen zu lassen. Und wenn er nun seine Rechnungsbücher durchsieht, und die Entdeckung macht, dass seine Schuld anstatt tausend Taler, zehntausend Taler betrug, ja, wenn er zuletzt gar gewahr wird, dass er hunderttausend Taler schuldig war, was wird er da wohl sagen? „Ach“, wird er ausrufen, „gab es wohl jemals einen solchen Freund, wie diesen?“
Die Gnade hat alles beseitigt, und die Entdeckung der Sünde, wenn wir die Vergebung derselben erkennen, bewirkt nur die Erhöhung der Liebe und Freude. Wenn der‘ Vater mich umarmt, so gibt das innerliche Bewusstsein, dass er dies tut, während ich noch in meinen Lumpen bin, mir den Beweis, was für eine Art von Verzeihung die ist, welche ich empfange. Es gibt niemand in der ganzen Welt, der nicht an meine Lumpen gedacht haben würde, bevor er sich an meinem Halse befunden hätte.
Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: „Bringet das beste Kleid hervor und ziehet es ihm an und gebet ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet das gemästete Kalb herbei, und schlachtet es.“
Gott zeigt Seine Liebe zu uns elenden Sündern, und bekleidet uns mit Christo. Er bringt uns in das Haus, wo die Diener sind, mit nicht weniger als aller Ehre, welche Er uns nur beilegen kann. Seine Liebe gewährt uns eine Aufnahme, während wir noch in unseren Lumpen sind, und jetzt beginnt diese Liebe. noch in anderer Art sich zu betätigen.
Der Vater führt uns so in das Haus, wie Er will, dass wir dort sein sollten, zugleich mit der Kundgebung des Wertes, welchen ein Sohn in Seinen Augen hatte. Wir lesen hier die Beschreibung der Mahlzeit, des besten Kleides, des Ringes und des Festes. Das Gefühl des Vaters war dies: dass Sein Sohn, welcher Sein Sohn war, dieses Kleid wert war,_ und dass es Seiner, des Vaters, würdig war, es dem Sohne zu geben. Wie würde es eines gnädig verfahrenden Vaters würdig gewesen sein, den Sohn als Diener im Hause zu behalten. Vielleicht würden einige es für eine Erniedrigung halten, ein Tagelöhner im Hause zu sein. Sie müssen einsehen, wie sehr sie Unrecht haben, es verrät dies nur Unkenntnis des Gefühles des Vaters.
Wir lesen, dass Gottes Verfahren den Zweck hat, in den kommenden Zeiten darzutun die überschwänglichen Reichtümer seiner Gnade in seiner Güte gegen uns durch Jesum Christum.“ (Eph. 2, 7.) Wenn wir nun das Ziel, welches man erreichen muss, einzusehen beginnen, — d. h. den Gedanken des Vaters und Seiner Gnade — würde es da wohl Seiner würdig gewesen sein, wenn Er uns mit einem fortwährenden Gedenkzeichen unserer Sünde und Schande, unserer vergangenen Unehre und Herabsetzung in Sein Haus genommen hätte? Wenn hier noch irgend ein Gefühl der Schande, wenn auch nur die geringsten Spuren von dem fremden, Lande geblieben wären — wäre dies wohl des Vaters würdig gewesen? Nein. „Der Anbeter, einmal gereinigt, hat kein Gefühl der Sünde mehr“ (sagt der Heilige Geist). Die Stellung, welche man im Hause Gottes findet, muss Gottes würdig sein. Vielleicht sagen hier unsere elenden und ungläubigen Herzen: „Ja, dies mag wahr sein, wenn wir einmal dort sind — wenn wir wirklich im Hause des Vaters sind.“ —
Aber lasset mich fragen: was ist denn der Glaube? Der Glaube urteilt so wie Gott urteilt. Ich sehe die Sünde im Lichte der Heiligkeit Gottes. Ich beurteile sie am wahrsten, wenn ich sehe, wie die Sünde im Widerstreit gegen Ihn ist und wie sie Ihn entehrt. Ich lerne auch die Gnade im Herzen meines Vaters kennen. Wer da glaubt, der hat es besiegelt, dass Gott wahr ist. Der Glaubet ist das Einzige, was Gewissheit gibt, durch Verstandesschlüsse erlangt man sie nie. Verstandesschlüsse passen ganz für die Dinge der Welt; redet aber Gott von einer Sache, so glaubt der Glaube.
Der Glaube besiegelt — nicht dass es wahr sein kann — sondern dass Gott wahr ist. Habe ich also den Glauben, so bin ich auch gewiss, dass das eben gesagte wahr ist; ich bin dessen so gewiss,, als wenn ich in diesem Augenblick droben im Himmel wäre. „Abraham glaubte Gott“ — nicht an Gott (obgleich dies gewiss der Fall war), sondern er glaubte Gott. Er glaubte, dass das, was Gott sagte, wahr war. Dies ist es, was auch wir tun müssen. Das Erste, worauf es ankommt, ist dies: dass wir Gott glauben. Und was sagt Gott mir, wenn ich an Seinen Sohn glaube? Er sagt mir, dass meiner Übertretungen nicht mehr gedacht wird, und ich glaube es; und ich glaube, dass ich das ewige Leben habe.
Es ist eine Sünde, daran zu zweifeln. Wenn ich) das nicht glaube, was mir Gott versichert, so begehe ich ein Unrecht an Gott. Es ist eine Sünde nicht zu glauben, dass ich ein Sohn bin, dass ich durch das Blut des Lammes ohne irgend einen Flecken bin. Der Glaube glaubt dies. Wäre es nur meine eigene Gerechtigkeit, so müsste sie in Fetzen zerrissen werden; aber es ist das Blut des Lammes; und was hat dieses Blut getan? Hat es etwa nur die Hälfte meiner Sünden getilgt? Die Frage ist die: Wie hoch schätzt Gott den Wert dieses Blutes? Glaubst du, Gott setze der Wirksamkeit des Blutes Jesu Grenzen? Nein! Er sagt: „es reinigt von aller Sünde“. Und sehen wir weiter nach im Worte Gottes, so finden wir: „Welcher unsere Sünde an seinem eigenen Leibe getragen hat am Holze“. Heißt das: Er hat einige meiner Sünden getragen?
Nein! Er hat meine Sünden getragen. Wenn meine Seele einerseits den Wert, welchen das Blut des Lammes vor Gott hat, erkennt, so erkenne ich andererseits dies als ein Ergebnis der Liebe des Vaters. Es würde eine schlimme Sache sein, an dieser Liebe zu zweifeln, so wie es bei dem verlorenen Sohne, eine schlimme Sache gewesen sein würde, wenn er, während der Vater ihn umarmte, gesagt hätte: „ich trage noch die Lumpen aus der Fremde an mir“. Dachte der Sohn in diesem Augenblick als er in den Armen des Vaters lag an seine Lumpen, als einen Grund, weshalb dieser Ausdruck der Liebe, weiche im Herzen des Vaters war, nicht stattfinden durfte?
Wenn ich also den Charakter dessen, was Gott gegen mich, als einen Sünder ist, erkenne, (und Jesus war durch die Selbstgerechtigkeit der Pharisäer genötigt, diesen Charakter zu offenbaren), so werden die Zweifel des menschlichen Herzens zum Schweigen gebracht vor einer solchen Gnade.
Sollte sich aber einer finden, der da sagte: Die Gnade Gottes gibt der Sünde eine Genehmigung, so möge ein solcher sein Urteil lesen in dem Geiste des älteren Sohnes in diesem Gleichnis. Möge er hier sehen, wie die Gnade zu diesem Sohn redet.
„Der Vater nun ging heraus und er suchte ihn“. — Der Unglückliche! nicht der verlorene Sohn — sondern dieser Unglückliche, der da kein Teil an der allgemeinen Freude nahm. Selbst die Diener im Hause sind froh. Sie sagen zu dem älteren Sohne: „Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das fette Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat“. —.Alle stimmen in den Ton der Freude ein, — Einen ausgenommen. Und wer war dieser Eine? Der Mensch, welcher an sich selbst und seine eigene Gerechtigkeit dachte. Deshalb kommt der Vater heraus und bittet ihn inständig.
Nehmt euch ein Beispiel hieran, und hütet euch, aus Furcht, dass eure Herzen die Liebe und die Gnade, welche Gott einem Mitsünder erzeigt, nicht in Bitterkeit verkehren!
Der ältere Sohn wollte nicht einkehren. Der Vater sagt zu ihm: „Ein Festmahl mussten wir einrichten und fröhlich sein, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden“. Aber er blieb draußen, und hatte kein Glück und keine Freude, sondern zeigte eine Widersetzlichkeit des Herzens gegen die Reichtümer der Gnade seines Vaters.
Kennst du Gott auch? Du wirst auch dich selbst erkennen wollen. Sei es so; aber ziehe deshalb nicht das Herz Gottes in Zweifel. Wie kann ich das Herz Gottes erkennen? Dadurch, dass ich mein Herz betrachte. Nein, sondern ich erkenne es durch die Gabe Seines Sohnes. Der Gott, mit welchem wir zu tun haben, ist der Gott, welcher Seinen Sohn für die Sünder dahin gegeben hat, und wissen wir dies nicht, so erkennen wir gar nichts. Sage nicht zu Gott: „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner“. Der Dienst muss die Folge der Erkenntnis Gottes selbst sein. Messet die Güte Gottes mit dem Maße eurer eigenen Herzen.
Unsere Herzen haben ein solches Streben, sich zum Gesetzestum zurückzuwenden und in einer selbstgemachten Scheindemütigung sich zu erniedrigen. Die einzige wahre Niedrigkeit und Kraft und Segen besteht darin, in der Gegenwart und Segnung Gottes sich selbst zu vergessen. Es kann sein, dass wir mittelst sehr demütigender Wege hierzu gebracht werden; aber nicht dadurch allein, dass wir schlecht von uns selbst denken, werden wir wahrhaftig demütig. Wir haben das Vorrecht, uns selbst zu vergessen in der Offenbarung der Liebe Gottes und unseres Vaters, welcher für uns die Liebe ist.
Möge der Herr durch Jesum Christum euch geben, als arme Sünder, den so in Liebe geoffenbarten Gott zu erkennen!
Botschafter des Heils in Christo 1853, S. 84ff


