Der Herr und Seine Jünger (BdH 1866)
Markus 6,30–44 Originaltext – typografisch überarbeitet für bessere Lesbarkeit
Es ist höchst lehrreich und erquickend, wenn wir mit einem gläubigen Herzen und einem erleuchteten Sinn den Pfad des Herrn auf Erden verfolgen, wie er uns durch die vom Heiligen Geist geleiteten Schreiber in den Evangelien gezeichnet worden ist.
Allerwärts begegnen wir Seinen göttlichen Vollkommenheiten; und selbst die Bosheit des Menschen, das Elend Seines Volkes und die Schwachheit Seiner Jünger lassen Seine göttliche Fülle nur noch lieblicher hervorstrahlen. Auch der oben bezeichnete Abschnitt liefert uns davon ein so klares Bild, daß sich die Mühe lohnt, einen Augenblick dabei zu verweilen.
Die Rückkehr der Jünger
Zurückgekehrt von ihrer Mission, wozu sie vom Herrn zu je zwei und zwei ausgesandt waren, versammeln sich die Jünger zu Jesu und zählen Ihm alles auf, was sie getan und gelehrt hatten (V. 30).
Wer anders hätte auch ein so warmes Interesse an ihren Berichten nehmen können, als der hochgepriesene Herr Selbst? Wer anders wäre so geeignet gewesen, sie über die gefährlichen Klippen hinwegzuleiten, die infolge einer gesegneten Wirksamkeit den Herzen der schwachen Jünger zum Anstoß und Fall sein konnten?
Während sie sich, wie wir anderswo lesen, darin erfreuten, daß selbst die Teufel ihnen Untertan gewesen waren, ruft er ihnen zu:
„Darüber freuet euch nicht, daß euch die Geister Untertan sind; freuet euch aber, daß eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind.“ (Lk 10,20)
Leicht können glänzende Erfolge einen Arbeiter im Werk des Herrn verleiten, die Erfolge statt den Herrn zum Gegenstand seiner Freude zu machen, und ihn gar zur Selbsterhebung führen.
„Ruhet ein wenig aus“ – Die Fürsorge Jesu
„Und er sprach zu ihnen: Kommt ihr selbst her an einen wüsten Ort besonders und ruhet ein wenig aus“ (Mk 6,31).
Es war nötig für sie, wieder eine Zeitlang mit ihrem geliebten Herrn allein zu sein, um ein wenig auszuruhen. Welch ein fürsorgender, zärtlicher Lehrer!
Er gebietet nicht: „Wirket, arbeitet fort und fort!“ Nein – sobald die Arbeit vollendet ist, zieht Er sie vom Wirkungsplatz zurück, nimmt sie mit Sich allein, damit sie an Seiner Seite ein wenig der Ruhe pflegen sollten.
Unter der Obhut und Pflege dieses weisen und gütigen Herrn steht jeder Arbeiter im Werke des Herrn.
Er fordert nicht ihre Tagebücher wie jemand, der, ohne die Mühe des Dienstes zu kennen, unnachsichtig jede Stunde der Arbeit verzeichnet sehen will. O nein; Er kennt den Dienst und dessen Mühe aus Erfahrung.
Als einfacher Bote des Evangeliums ist Er umhergezogen und ist müde geworden auf Seinem Wege; Er hat Hunger und Durst gelitten, hat alle Arten von Schwierigkeiten durchgemacht, die Feindseligkeiten der Menschen erduldet und die Schwachheiten Seiner Jünger ertragen.
Er weiß, wie es einem Arbeiter in Seinem Werk zu Mute ist.
Die Notwendigkeit des verborgenen Umgangs mit Gott
Sollte uns dies nicht ermutigen, allezeit bei Ihm Rat, Trost und Hilfe zu holen? Sollte uns das nicht anspornen, Ihm alles mitzuteilen, was wir getan und gelehrt haben, und in Seine Nähe zu eilen, um wie Maria zu Seinen Füßen zu sitzen und auf Seine holdseligen Worte zu lauschen?
Wo solch ein verborgener Umgang fehlt, da wird das Herz bald matt und dürr werden; und der Arbeiter wird dann nur aus kalter Pflicht oder um des Lohnes willen seinen Dienst verrichten oder gar in Hochmut und Selbstgefälligkeit versinken.
Nur in Seiner Gegenwart findet das Herz die wahre Quelle aller Kraft.
Jesu Erbarmen über das hirtenlose Volk
Der Herr Selbst freilich fand hienieden wenig Zeit zum Ausruhen. Dafür zeugen die Worte:
„Und viele sahen sie wegfahren und erkannten sie und liefen zu Fuß von allen Städten dorthin zusammen, und kamen ihnen zuvor. Und als Jesus aus dem Schiff trat, sah er eine große Volksmenge und wurde innerlich bewegt über sie; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben; und er fing an, sie vieles zu lehren.“ (V. 33–34)
Stets zeigt Er Seine erbarmende Liebe.
Der Zustand Israels war äußerst betrübend. Von Jehova abgewichen, irrte das Volk ohne Leitung ruhelos umher. Ihren wahren Hirten erkannten sie nicht.
Es war ihnen unbekannt, daß Jehova, den sie verlassen hatten und dessen Gesetz sie verworfen hatten, auf die Erde gekommen war, um sie in Gnaden zu besuchen und ihre Sünden zuzudecken.
Und dennoch – gerade ihr hoffnungsloser Zustand rief die Strahlen Seiner erbarmenden Liebe umso kräftiger hervor.
Der Ruf Gottes – und Israels Verblendung
„Ich habe den ganzen Tag meine Hände ausgebreitet zu einem widerspenstigen Volke“ (Jes 65,2). Israel verwarf Ihn.
„Er kam in das Seinige, und die Seinigen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11).
Und dennoch hat Seine Treue nicht aufgehört.
Es wird der Tag kommen, wo Er sich Seines Volkes wieder annehmen wird. Das Gericht wird unter ihnen aufräumen und sie läutern; und dann wird ganz Israel errettet werden (Jes 59,20).
Für die Gegenwart aber gilt:
„Durch ihren Fall ist den Nationen das Heil geworden.“ (Röm 11,11)
Bis zu ihrer Wiederherstellung sammelt der Herr ein Volk aus allen Nationen – die Kirche, die Braut des Lammes.
Jesu Liebe zum Sünder
Mit derselben erbarmenden Liebe geht jetzt der Herr dem verlorenen Sünder nach, um ihn aus einer unter dem Gericht stehenden Welt zu erretten und in die himmlischen Segnungen einzuführen.
Sein Herz ist ebenso bewegt über den armen, verirrten Sünder wie damals über das hirtenlose Israel.
Die Sorge der Jünger – und Jesu Antwort
„Und als es schon spät am Tage war, traten seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist wüst und es ist schon spät am Tage; entlaß sie…“ (V. 35–36)
Die Blicke der Jünger wandten sich – wie gewöhnlich – auf die Umstände.
Sie erkannten nicht das tiefe Mitgefühl des Herrn. Sie sahen nur den Abend, die Wüste, die hungrige Menge.
Armes, ungläubiges Herz!
Wie oft geben auch wir uns gleichen Sorgen hin.
„Gebet ihr ihnen zu essen“ – Die Herausforderung des Glaubens
Die Jünger sagen: „Entlaß sie.“ Jesus sagt: „Gebet ihr ihnen zu essen.“
Sie hatten nichts zu geben – und kein Vertrauen zu Seiner Durchhilfe.
„Sollen wir hingehen und für zweihundert Denare Brote kaufen…?“
Das ist stets die Weise des Unglaubens.
Der Segen über dem Wenigen
„Wie viele Brote habt ihr?“ (V. 38)
Nur fünf Brote und zwei Fische – für 5000 Männer. Doch alles hängt vom Segen des Herrn ab.
Er segnete – und alle wurden gesättigt. Niemand wurde leer heimgeschickt.
Er kann das Geringe segnen, so daß zur Genüge, ja sogar zum Überfluß vorhanden ist.
Die Jünger als Kanäle der Gnade
Wie schwach der Glaube der Jünger auch war – der Herr machte sie dennoch zu Kanälen der Segnung.
Die Quelle versiegte nicht. Alle Bedürfnisse wurden gestillt. Zwölf Körbe blieben übrig.
Vorher fragten sie: „Woher nehmen wir Brot für so viele Menschen?“
Jetzt konnten sie fragen: „Woher nehmen wir Menschen für so viel Brot?“
Schlussgedanken
Wie oft fragen auch wir: „Woher nehmen wir?“ Wie wenig erkennen wir die unerschöpfliche Quelle in dem Geber aller guten Gaben!
O möchte der Herr unsere Herzen weit machen für die Reichtümer Seiner Gnade, damit wir reichlich nehmen und reichlich ausspenden können!


