Psalm 123 – „Zu dir erhebe ich meine Augen“
1. Einleitung – Geschichte & Kontext
Psalm 123 ist ein Gebetspsalm, gesprochen von einem Pilger, der unter Spott, Verachtung und Hochmut leidet. Er ist das Gegenstück zu Psalm 121:
- Psalm 121: Gott schaut auf uns.
- Psalm 123: Wir schauen auf Gott.
Der Psalm ist ein Gebet der Geduld und Demut, gesprochen von Menschen, die nichts anderes haben als Gottes Erbarmen.
Spurgeon: „Psalm 123 ist das Gebet eines Dieners, der auf die Hand seines Herrn schaut. Er ist kurz, aber voller Sehnsucht. Der Pilger hebt seine Augen nicht zu den Bergen, sondern zum Thron Gottes. Wer diesen Psalm betet, lernt warten – und vertrauen.“
2. Struktur des Psalms
- V. 1–2 – Blick zum Himmel: Abhängigkeit von Gott
- V. 3–4 – Schrei nach Erbarmen: Leiden unter Verachtung
3. Vers‑für‑Vers‑Auslegung
V. 1 – Zu dir erhebe ich meine Augen
Der Pilger richtet seinen Blick:
- nicht auf Menschen
- nicht auf Umstände
- nicht auf Feinde
- sondern auf den Gott, der im Himmel thront
Ein Akt des Glaubens.
V. 2 – Wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herrn
Ein starkes Bild:
- Diener schauen auf die Hand → Versorgung
- Magd schaut auf die Hand → Schutz
- Der Pilger schaut auf Gottes Hand → Erbarmen
Es ist ein Bild der stillen Erwartung.
V. 3 – Sei uns gnädig, HERR, sei uns gnädig
Der Psalm wiederholt die Bitte – ein Zeichen der Dringlichkeit. Der Pilger hat genug von Spott und Hochmut.
V. 4 – Denn wir sind übersatt von Verachtung
Die Welt verachtet:
- die Demütigen
- die Glaubenden
- die Geduldigen
- die, die auf Gott warten
Der Psalm endet nicht mit Triumph, sondern mit ehrlicher Klage – ein Gebet, das auf Erhörung wartet.
4. Theologische Linien
- Gottes Volk lebt oft unter Spott und Verachtung.
- Der Blick des Glaubens richtet sich nach oben, nicht nach außen.
- Abhängigkeit von Gott ist keine Schwäche, sondern Stärke.
- Gottes Erbarmen ist die Hoffnung der Geduldigen.
- Der Psalm verbindet Demut, Geduld, Leiden und Vertrauen.
5. Christus im Psalm 123
Psalm 123 erfüllt sich vollkommen in Jesus Christus:
- Er wurde verachtet und verspottet (Jes 53,3).
- Er erhob seine Augen zum Vater (Joh 17,1).
- Er wartete geduldig auf Gottes Stunde (Joh 7,6).
- Er ist der barmherzige Herr, auf dessen Hand wir schauen (Joh 10,28).
- Er ist der, der Erbarmen schenkt (Hebr 4,16).
- Er ist der Knecht Gottes, der uns lehrt, wie man wartet (Phil 2,7–8).
Spurgeon: „Christus ist der vollkommene Beter dieses Psalms – und die Antwort auf dieses Gebet.“
6. Praktische Anwendungen
- Richte deinen Blick auf Gott – nicht auf Menschen. Ps 123,1; Kol 3,1–2; Hebr 12,2
- Warte auf Gottes Hand – er wird handeln. Ps 123,2; Ps 130,5–6; Jes 30,18
- Bitte um Erbarmen – es ist Gottes liebste Antwort. Ps 123,3; Hebr 4,16; Lk 18,13
- Gott sieht deinen Spott und deine Verachtung. Ps 123,3–4; Ps 31,12–14; Mt 5,11–12
- Geduld ist ein geistlicher Sieg. Ps 123; Jak 5,7–8; Röm 12,12
7. Tabelle
| Abschnitt | Inhalt | NT‑Bezug | Anwendung |
|---|---|---|---|
| V. 1–2 | Blick auf Gott | Hebr 12 | Vertrauen |
| V. 3–4 | Bitte um Erbarmen | Hebr 4 | Geduld |
8. Leitvers
„Zu dir erhebe ich meine Augen, der du im Himmel thronst.“ (Ps 123,1)

