Psalm 106 – „Wir haben gesündigt wie unsere Väter“
1. Einleitung – Geschichte & Kontext
Psalm 106 ist ein Bekenntnis‑ und Bußpsalm, der Israels Geschichte schonungslos erzählt:
- Unglaube am Schilfmeer
- Götzendienst am Horeb
- Murren in der Wüste
- Vermischung mit den Völkern
- Opfer für Götzen
- Gericht und Rettung – immer wieder
Er ist das Gegenstück zu Psalm 105:
- Psalm 105 → Gottes Treue trotz Israels Schwachheit
- Psalm 106 → Israels Untreue trotz Gottes Treue
Der Psalm endet mit einem Gebet der Heimkehr – vermutlich aus der Exilszeit.
Spurgeon: „Psalm 106 ist ein Spiegel, in dem wir unsere eigene Natur erkennen. Er zeigt, wie tief der Mensch fallen kann – und wie hoch Gottes Gnade reicht. Die Geschichte Israels ist die Geschichte jedes Herzens. Doch über allem steht Gottes unermüdliche Barmherzigkeit.“
2. Struktur des Psalms
- V. 1–5 – Lobpreis & Bitte um Gnade
- V. 6–12 – Schuld am Schilfmeer
- V. 13–23 – Götzendienst & Rebellion in der Wüste
- V. 24–33 – Unglaube am Land & Aufruhr gegen Mose
- V. 34–43 – Vermischung, Götzendienst & Gericht
- V. 44–48 – Gottes Erbarmen & Gebet um Heimkehr
3. Vers‑für‑Vers‑Auslegung
V. 1 – Dankt dem HERRN, denn er ist gut
Der Psalm beginnt mit Gnade – bevor die Sünde kommt.
V. 2 – Wer kann die Taten des HERRN erzählen?
Gottes Werke sind unermesslich.
V. 3 – Wohl denen, die Recht üben
Gehorsam ist Segen.
V. 4–5 – Gedenke meiner, HERR
Der Beter bittet um:
- Gnade
- Rettung
- Teilhabe am Heil
V. 6 – Wir haben gesündigt wie unsere Väter
Ein kollektives Schuldbekenntnis.
V. 7–12 – Am Schilfmeer
Israel:
- vergaß Gottes Taten
- murrte
- zweifelte
Doch Gott rettete – und sie glaubten kurz.
V. 13–15 – Sie vergaßen seine Werke
Schnelles Vergessen führt zu:
- Gier
- Unzufriedenheit
- Gericht
V. 16–18 – Aufruhr gegen Mose
Neid führt zu Gottes Gericht.
V. 19–23 – Das goldene Kalb
Israel:
- tauschte Gott gegen ein Bild
- vergaß seine Rettung
Mose tritt als Fürsprecher ein.
V. 24–27 – Unglaube am verheißenen Land
Sie:
- verachteten Gottes Geschenk
- murrten
- lehnten Gottes Weg ab
V. 28–31 – Baal-Peor
Götzendienst & Unmoral → Gericht Pinehas tritt ein → Rettung
V. 32–33 – Meriba
Selbst Mose wird durch das Volk zur Sünde verleitet.
V. 34–39 – Vermischung & Götzenopfer
Israel:
- gehorchte nicht
- übernahm heidnische Praktiken
- opferte sogar Kinder
V. 40–43 – Gottes Gericht
Gott übergibt sie:
- Feinden
- Unterdrückern
- Fremden
Doch sie rufen – und Gott rettet.
V. 44–46 – Gottes Erbarmen
Gott:
- sieht
- hört
- erbarmt sich
V. 47 – Sammle uns aus den Nationen
Ein Gebet um Heimkehr – typisch für die Exilszeit.
V. 48 – Gepriesen sei der HERR
Der Psalm endet mit Lob.
4. Theologische Linien
- Der Mensch ist tief gefallen – aber Gott ist tiefer in Gnade.
- Geschichte ist Spiegel des Herzens.
- Gott richtet – aber er vergisst sein Volk nicht.
- Fürsprecher (Mose, Pinehas) sind entscheidend.
- Götzendienst beginnt mit Vergessen.
- Der Psalm verbindet Sünde, Gericht, Fürbitte und Gnade.
5. Christus im Psalm 106
Psalm 106 erfüllt sich vollkommen in Jesus Christus:
- Er ist der wahre Mose, der für sein Volk eintritt (Hebr 3).
- Er ist der größere Pinehas, der Sünde stoppt (Hebr 7,25).
- Er ist der, der die Zerstreuten sammelt (Joh 11,52).
- Er ist der, der die Macht der Götzen bricht (Kol 2,15).
- Er ist der, der die Geschichte vollendet (Offb 5).
- Er ist der, der uns aus der Knechtschaft befreit (Joh 8,36).
Spurgeon: „Christus ist der Fürsprecher, der uns vor dem Gericht bewahrt.“
6. Praktische Anwendungen
- Erkenne deine eigene Geschichte im Volk Israel. Ps 106,6; Röm 3,23; 1 Kor 10,6–12
- Vergessen führt zu Sünde – erinnere dich an Gottes Werke. Ps 106,7; Ps 103,2; Hebr 2,1
- Gott hört, auch wenn wir gefallen sind. Ps 106,44; Ps 34,19; 1 Joh 1,9
- Götzen beginnen im Herzen – prüfe deine Loyalitäten. Ps 106,36–39; 1 Joh 5,21; Kol 3,5
- Christus ist dein Fürsprecher – halte dich an ihn. Ps 106,23; Hebr 7,25; Röm 8,34
- Gottes Gnade ist größer als deine Geschichte. Ps 106,1; Klgl 3,22; Eph 2,4–5
7. Tabelle
| Abschnitt | Inhalt | NT‑Bezug | Anwendung |
|---|---|---|---|
| V. 1–5 | Lob & Bitte | Eph 1 | Dank |
| V. 6–23 | Sünde & Fürbitte | Hebr 3 | Demut |
| V. 24–43 | Götzendienst & Gericht | 1 Kor 10 | Warnung |
| V. 44–48 | Erbarmen & Heimkehr | Joh 11 | Hoffnung |
8. Leitvers
„Wir haben gesündigt wie unsere Väter.“ (Ps 106,6)

