Psalm 22 – Der leidende Messias und der triumphierende König
ChristUndBuch – Auslegung, Struktur, Anwendungen
1. Einleitung
Psalm 22 ist einzigartig. Er beginnt mit einem Schrei der Gottverlassenheit und endet mit weltweitem Lobpreis. Er ist:
- Davidisch – aus echter Not geboren
- Messianisch – im NT direkt auf Christus angewandt
- Prophetisch – beschreibt die Kreuzigung Jahrhunderte vorher
- Triumphierend – endet in weltweiter Anbetung
Spurgeon: „Wir stehen hier auf heiligem Boden – Psalm 22 ist das Golgatha des Alten Testaments.“ Calvin: „David spricht aus seiner Not, aber der Geist Christi spricht durch ihn.“
2. Struktur des Psalms
- V. 1–22 – Der leidende Gerechte
- V. 23–32 – Der verherrlichte König
Der Psalm bewegt sich von:
- Verlassenheit
- Verspottung
- Durchbohrung
- Ausgeliefertsein
zu:
- Erhörung
- Gemeinschaft
- Weltmission
- Ewigem Lob
3. Vers‑für‑Vers‑Auslegung (paraphrasiert)
V. 1–3 – Der Schrei der Gottverlassenheit
Der Psalm beginnt mit dem berühmtesten Klageruf der Bibel:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
David fühlt sich von Gott entfernt – und doch hält er an Gott fest.
NT‑Linie: Jesus ruft diese Worte am Kreuz (Mt 27,46).
Spurgeon: „Kein Mensch hat je so gelitten wie Christus – und kein Psalm beschreibt es so wie dieser.“
V. 4–6 – Vertrauen trotz Dunkelheit
David erinnert sich an Gottes Treue in der Vergangenheit – aber jetzt scheint Gott fern.
Henry: „Glaube hält fest, auch wenn er nichts sieht.“
V. 7–9 – Verspottung durch Menschen
Die Umstehenden lachen, spotten, schütteln den Kopf:
- „Er vertraut auf Gott – der soll ihn retten!“
NT‑Linie: Genau diese Worte werden Jesus zugerufen (Mt 27,43).
Kidner: „Die Kreuzigungsszene steht hier wie ein Schatten im Alten Testament.“
V. 10–12 – Gott war immer da – warum jetzt nicht?
David erinnert sich an Gottes Nähe seit seiner Geburt – und versteht die jetzige Stille nicht.
V. 13–19 – Die Feinde umringen ihn
David beschreibt seine Feinde wie:
- brüllende Löwen
- wilde Stiere
- Hunde
- eine Meute, die ihn umzingelt
Sein Körper ist erschöpft, seine Kraft versiegt.
MacArthur: „Die Bildsprache passt erschreckend genau zur Kreuzigung.“
V. 17–19 – Durchbohrte Hände und Füße
David beschreibt:
- durchbohrte Hände und Füße
- das Zählen aller Knochen
- das Verteilen seiner Kleider
- das Loswerfen um sein Gewand
NT‑Linie: Alle vier Evangelien berichten genau dies (Joh 19,24).
Spurgeon: „David erlebte Leid – aber Christus erfüllte diese Worte vollkommen.“
V. 20–22 – Der Wendepunkt
David ruft um Rettung – und Gott erhört ihn.
Der Psalm kippt von Klage zu Hoffnung.
V. 23–27 – Lobpreis in der Gemeinde
Der Gerechte, der litt, ruft nun die Gemeinde zum Lob auf.
Calvin: „Der Leidende wird zum Anführer des Lobpreises – ein Bild Christi.“
NT‑Linie: Hebr 2,12 zitiert genau diese Verse auf Jesus.
V. 28–32 – Weltweite Anbetung
Der Psalm endet mit einer gewaltigen Vision:
- alle Völker werden Gott anbeten
- alle Generationen werden von ihm hören
- die kommenden Geschlechter werden seine Rettung verkünden
Wiersbe: „Der Psalm beginnt mit einem Schrei – und endet mit einer weltweiten Mission.“
4. Theologische Linien
- Gottverlassenheit ist real – aber nicht endgültig.
- Der Gerechte leidet unschuldig.
- Der Psalm beschreibt die Kreuzigung prophetisch.
- Gott erhört den Leidenden und erhöht ihn.
- Aus Leid entsteht weltweite Anbetung.
- Der Psalm verbindet Kreuz und Königreich.
5. Christus im Psalm 22
Psalm 22 ist einer der klarsten messianischen Psalmen.
Er erfüllt sich in Jesus:
- V. 1 – Gottverlassenheit am Kreuz
- V. 7–9 – Spott der Menschen
- V. 17 – Durchbohrte Hände und Füße
- V. 19 – Verteilung der Kleider
- V. 23 – Christus lobt inmitten der Gemeinde (Hebr 2,12)
- V. 28–32 – weltweite Mission nach der Auferstehung
Spurgeon: „Psalm 22 ist das Evangelium im Alten Testament.“
6. Praktische Anwendungen
- Bring deine tiefsten Schmerzen zu Gott – er hört.
- Vertraue Gott auch in der Dunkelheit.
- Erkenne Christus im Leid – und im Sieg.
- Lass dich vom Kreuz zur Anbetung führen.
- Wisse: Gott verwandelt Leid in Segen.
- Verkünde Gottes Rettung – wie der Psalm es fordert.
7. Tabelle
| Abschnitt | Inhalt | Bibellehrer | NT‑Bezug | Anwendung |
|---|---|---|---|---|
| V. 1–3 | Gottverlassenheit | Spurgeon, Henry | Mt 27 | Klage zu Gott |
| V. 7–9 | Spott | Kidner | Mt 27 | Standhaft bleiben |
| V. 17–19 | Durchbohrung | MacArthur | Joh 19 | Christus sehen |
| V. 23–27 | Lobpreis | Calvin | Hebr 2 | Gott danken |
| V. 28–32 | Weltmission | Wiersbe | Mt 28 | Evangelium leben |
8. Leitvers
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

